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Die Kurfürstenstraße nach Einbruch der Nacht: Zwischen Ausbeutung und Ausstieg

Wenn die Sonne untergeht, verändert sich die Kurfürstenstraße. Frauen stehen an den Straßenecken, wartend und aufmerksam. Autos ziehen langsam vorbei. Für Anwohner wie Paul ist der Abend geprägt von Unsicherheit und lauten Konflikten. Zugleich arbeiten Initiativen wie Sisters daran, den Frauen Schutz und neue Perspektiven zu bieten. Die Straße spiegelt die Widersprüche des Viertels: Armut, Prostitution und soziale Arbeit treffen hier aufeinander.

Ein Beitrag von Immanuella Leo

Es ist Donnerstag, 22:00 Uhr in der Kurfürstenstraße. Das Neonlicht eines Spätkaufs flackert über den Asphalt, irgendwo klirrt eine Flasche. Autos schieben sich Stoßstange an Stoßstange durch die Straße. Einige rollen auffällig langsam, drehen eine zweite Runde. An den Hausecken stehen Menschen, reglos wie Wartende an einem Bahnhof ohne Fahrplan. Gespräche sind nur Fetzen, Blicke bleiben kurz, prüfend. Immer wieder rollen große, teure SUVs mit dunklen Scheiben langsam vorbei oder halten am Rand. Luxusfahrzeuge in einer Straße, in der Frauenkörper zur Ware gemacht werden. Die Nacht legt sich über die Straße und mit ihr ein Geschäft, das hier seit Jahrzehnten dazugehört. Während Berlin zur Ruhe kommt, beginnt hier für viele Frauen ein Arbeitstag in einem System, das von Menschenverachtung lebt. Eine Autotür schlägt zu. Kurz darauf Stille. Dann wieder Motorengeräusch.

„Frauen sind keine Ware.“ sagt Saskia Nitschmann mit ruhiger Entschiedenheit, als wir über Prostitution und Ausstiegsarbeit sprechen. Für sie ist das nicht nur ein Slogan, sondern Leitmotiv ihrer Arbeit bei Sisters, einem ehrenamtlichen Netzwerk, das Frauen in und nach der Prostitution begleitet.

Ein Mikrokosmos aus Gewalt und Armut

Die Kurfürstenstraße ist am späten Abend ein Mikrokosmos, in dem Gewalt, Armut und alltäglicher Sexismus aufeinandertreffen. Vor einem Hauseingang wird leise telefoniert, auf einer anderen Straßenseite wartet jemand mit verschränkten Armen. Niemand bleibt lange stehen, ohne Grund. Nitschmann beschreibt das Bild: Frauen,
die bei jedem Wetter auf der Straße stehen, oft unterernährt, vielfach mit Drogenproblemen und häufig kontrolliert durch Zuhälter. Preise, die Außenstehende sich kaum vorstellen, „manchmal liegt das bei dreißig Euro“, und Freier, die die Straße wie einen Zoo behandeln. Manche bleiben im Auto sitzen und beobachten minutenlang durch die Windschutzscheibe. Andere kurbeln das Fenster nur einen Spalt herunter. Entscheidungen fallen oft in Sekunden. Auch ich merke beim Vorbeigehen, wie schnell sich Blicke ändern, wenn ein Auto langsamer wird. Viele Frauen sind nicht deutsch. Herkunftsländer verschieben sich. Neben Bulgarien und Rumänien gibt es hier seit dem Ukraine-Krieg mehr Frauen aus der Ukraine und zunehmend aus afrikanischen Staaten. Ich gehe diese Straße oft selbst entlang. Nachts, auf dem Heimweg von Freunden oder von Feiern. Mehr als einmal haben Autos am Rand gehalten, noch bevor ich vorbeigelaufen bin. Die Scheibe fährt herunter, ein Blick sucht meinen. Ich schüttle den Kopf, gehe weiter. Kurz darauf fahren die Männer weiter.

Der Weg raus beginnt leise

Der erste Schritt ist für Nitschmann immer derselbe: Die Frau kontaktiert Sisters per Telefon, E-Mail oder über Karten, die bei aufsuchender Arbeit verteilt werden. Anfragen laufen zentral nach Stuttgart und werden an lokale Teams weitergegeben. Ein persönliches Treffen ist essentiell. Oft wird bei diesem Erstkontakt schon finanzielle Soforthilfe geleistet. Die Erinnerung, die Nitschmann nie vergisst, ist eine Frau, die nach mehreren vergeblichen Anläufen an anderen Stellen fast nichts erwartete und beim Angebot von hundert Euro fast in Tränen ausbrach. Solche Momente bestärken die Ehrenamtlichen: „Wir machen tatsächlich was.“ Draußen läuft das Geschäft in derselben Zeit weiter.

Die Berliner Kurfürstenstraße. Foto: Imanuella Leo

Was Ausstieg wirklich bedeutet

Ein stabiler, abschließbarer Rückzugsort ist laut Nitschmann die Grundlage jedes Ausstiegs. Danach folgen Schritte wie die Klärung behördlicher Angelegenheiten, ein Entzug bei Drogenabhängigkeit oder die Vermittlung in Arbeit und Therapie. Finanzielle Hilfen können kurzfristig Armut und Schulden lindern. Langfristig muss eine wirtschaftliche Perspektive geschaffen werden. Die Dauer eines nachhaltigen Ausstiegs variiert: Ideal sind einige Monate, oft dauern Fälle aber ein Jahr oder länger. Drei Monate gelten als eine Zeitspanne, in der Sisters ohne größere Rechtfertigungen finanzielle Unterstützung übernehmen können. Der Wind trägt Gesprächsfetzen über den Gehweg. Eine Plastiktüte weht über die Fahrbahn, bleibt an einem Bordstein hängen. Die Nacht wirkt gleichzeitig belebt und erschöpft.

Ein System, das Frauen allein lässt

Sexuelle, verbale und physische Gewalt prägen den Alltag vieler Frauen. Dazu kommen Sprachbarrieren, fehlende Rechte, Angst vor Polizei wegen illegaler Aufenthaltsverhältnisse und die Erfahrung, dass Behörden oft nicht oder zu langsam helfen. Nitschmann kritisiert das politische Narrativ: „Man hat sich eingeredet, wir haben’s legalisiert, also ist alles in Ordnung.“ Es sei aber genau das Gegenteil: Es fehlen hauptamtliche Stellen, juristische Beratung, Sozialarbeiterinnen und bezahlte Ausstiegsangebote. Sisters arbeiten ehrenamtlich und sind zeitlich und finanziell begrenzt.

Was dringend passieren muss

Wenn Nitschmann eine sofortige Änderung durchsetzen könnte, wäre es das Nordische Modell und auf kürzere Sicht bezahlte Ausstiegsarbeit. Wichtig sei außerdem, Ausgestiegenen zuzuhören und ihre Lebensrealität sichtbar zu machen: Nicht die glamourösen Stimmen von wenigen Escort-Frauen sollten das Bild dominieren, sondern die Mehrheit – arm, nicht-deutschsprachig, oft nicht frei in ihrer Entscheidung. „Frauen sind keine Ware“, wiederholt sie als Kernbotschaft. In einer Gesellschaft, in der Männer Frauenkörper kaufen können, kann es keine Gleichberechtigung geben.

Leben mit der Straße

Auch Anwohner der Kurfürstenstraße berichten von ihrer Perspektive. Ich verabrede ein Gespräch mit Paul. Er lebt seit zehn Jahren hier und wünscht, dass sein Name für den Beitrag geändert wird. Wir treffen uns in einem Späti direkt in der Kurfürstenstraße. Er beschreibt die Straße nachts als eine komplett eigene Welt. Überall Licht, Stimmen, Autos, irgendwie immer lebendig, aber auch aggressiv. „Ich beobachte genau, wer da ist und ärgere mich über die Freier, die die Frauen bedrängen oder ausnutzen. Die Frauen selbst tun niemandem etwas, trotzdem spürt man die Spannung in jeder Ecke.“ Aus einem geöffneten Fenster über uns fällt warmes Licht auf den Gehweg. Unten läuft das Geschäft weiter. Über die Auswirkungen sagt er: „Es macht das Zusammenleben viel unruhiger, weil Lärm, Aggressionen und rücksichtslose Männer spürbar sind. Ich sehe Nachbarn, die genervt oder verunsichert sind. Die Frauen sind nicht das Problem, aber die Männer, die hier alles missbrauchen, setzen uns alle unter Druck.“ Zu Initiativen im Quartier erklärt Paul: „Das Café Neustart ist ein Lichtblick. Einfach ein Ort, der wirklich schützt und unterstützt. Ich würde mir wünschen, dass Polizei und Sozialarbeit die Freier stärker in den Blick nehmen, statt die Frauen zu verdrängen. Wir brauchen mehr Sicherheit und echte Perspektiven, damit die Frauen geschützt sind und wir alle wieder durchatmen können.“

Die Räume des Café Neustart in der Kurfürstenstraße. Foto: Imanuella Leo

Ein Appell an die Öffentlichkeit

Nitschmann wünscht sich mehr Empathie und weniger Voyeurismus. Statt im Bus über die Frauen der Kurfürstenstraße zu lachen, fordert sie ein Umdenken: Anerkennung, dass Prostitution oft aus Zwang, Armut oder Täuschung entsteht und politische Unterstützung für dauerhafte Ausstiegsangebote. Für viele Frauen ist ein Job nicht nur Einkommen, sondern der Zugang zu einem neuen sozialen Netzwerk. Ein erster Schritt weg von Gewalt und Abhängigkeit. Auf der Straße laufen noch immer Motoren. Eine Frau tritt von einem Fuß auf den anderen, um sich warm zu halten. Ein Auto hält, kurz öffnet sich die Beifahrertür. Nitschmanns Worte klingen nach: „Frauen können nicht gleichberechtigt sein in einer Gesellschaft, in der Männer Frauenkörper kaufen können“. Es ist eine Aufforderung, hinzuhören und zu handeln.

Eine Interviewanfrage an das Ordnungsamt wurde für diese Reportage leider abgelehnt.

Immanuella Leo studiert Nordamerikastudien und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Sie interessiert sich besonders für soziale Ungleichheit und deren mediale Repräsentation. Beruflich strebt sie eine Tätigkeit im investigativen oder sozialpolitischen Journalismus an.