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Die Kurfürstenstraße nach Einbruch der Nacht: Zwischen Ausbeutung und Ausstieg

Wenn die Sonne untergeht, verändert sich die Kurfürstenstraße. Frauen stehen an den Straßenecken, wartend und aufmerksam. Autos ziehen langsam vorbei. Für Anwohner wie Paul ist der Abend geprägt von Unsicherheit und lauten Konflikten. Zugleich arbeiten Initiativen wie Sisters daran, den Frauen Schutz und neue Perspektiven zu bieten. Die Straße spiegelt die Widersprüche des Viertels: Armut, Prostitution und soziale Arbeit treffen hier aufeinander.

Ein Beitrag von Immanuella Leo

Es ist Donnerstag, 22:00 Uhr in der Kurfürstenstraße. Das Neonlicht eines Spätkaufs flackert über den Asphalt, irgendwo klirrt eine Flasche. Autos schieben sich Stoßstange an Stoßstange durch die Straße. Einige rollen auffällig langsam, drehen eine zweite Runde. An den Hausecken stehen Menschen, reglos wie Wartende an einem Bahnhof ohne Fahrplan. Gespräche sind nur Fetzen, Blicke bleiben kurz, prüfend. Immer wieder rollen große, teure SUVs mit dunklen Scheiben langsam vorbei oder halten am Rand. Luxusfahrzeuge in einer Straße, in der Frauenkörper zur Ware gemacht werden. Die Nacht legt sich über die Straße und mit ihr ein Geschäft, das hier seit Jahrzehnten dazugehört. Während Berlin zur Ruhe kommt, beginnt hier für viele Frauen ein Arbeitstag in einem System, das von Menschenverachtung lebt. Eine Autotür schlägt zu. Kurz darauf Stille. Dann wieder Motorengeräusch.

„Frauen sind keine Ware.“ sagt Saskia Nitschmann mit ruhiger Entschiedenheit, als wir über Prostitution und Ausstiegsarbeit sprechen. Für sie ist das nicht nur ein Slogan, sondern Leitmotiv ihrer Arbeit bei Sisters, einem ehrenamtlichen Netzwerk, das Frauen in und nach der Prostitution begleitet.

Ein Mikrokosmos aus Gewalt und Armut

Die Kurfürstenstraße ist am späten Abend ein Mikrokosmos, in dem Gewalt, Armut und alltäglicher Sexismus aufeinandertreffen. Vor einem Hauseingang wird leise telefoniert, auf einer anderen Straßenseite wartet jemand mit verschränkten Armen. Niemand bleibt lange stehen, ohne Grund. Nitschmann beschreibt das Bild: Frauen,
die bei jedem Wetter auf der Straße stehen, oft unterernährt, vielfach mit Drogenproblemen und häufig kontrolliert durch Zuhälter. Preise, die Außenstehende sich kaum vorstellen, „manchmal liegt das bei dreißig Euro“, und Freier, die die Straße wie einen Zoo behandeln. Manche bleiben im Auto sitzen und beobachten minutenlang durch die Windschutzscheibe. Andere kurbeln das Fenster nur einen Spalt herunter. Entscheidungen fallen oft in Sekunden. Auch ich merke beim Vorbeigehen, wie schnell sich Blicke ändern, wenn ein Auto langsamer wird. Viele Frauen sind nicht deutsch. Herkunftsländer verschieben sich. Neben Bulgarien und Rumänien gibt es hier seit dem Ukraine-Krieg mehr Frauen aus der Ukraine und zunehmend aus afrikanischen Staaten. Ich gehe diese Straße oft selbst entlang. Nachts, auf dem Heimweg von Freunden oder von Feiern. Mehr als einmal haben Autos am Rand gehalten, noch bevor ich vorbeigelaufen bin. Die Scheibe fährt herunter, ein Blick sucht meinen. Ich schüttle den Kopf, gehe weiter. Kurz darauf fahren die Männer weiter.

Der Weg raus beginnt leise

Der erste Schritt ist für Nitschmann immer derselbe: Die Frau kontaktiert Sisters per Telefon, E-Mail oder über Karten, die bei aufsuchender Arbeit verteilt werden. Anfragen laufen zentral nach Stuttgart und werden an lokale Teams weitergegeben. Ein persönliches Treffen ist essentiell. Oft wird bei diesem Erstkontakt schon finanzielle Soforthilfe geleistet. Die Erinnerung, die Nitschmann nie vergisst, ist eine Frau, die nach mehreren vergeblichen Anläufen an anderen Stellen fast nichts erwartete und beim Angebot von hundert Euro fast in Tränen ausbrach. Solche Momente bestärken die Ehrenamtlichen: „Wir machen tatsächlich was.“ Draußen läuft das Geschäft in derselben Zeit weiter.

Die Berliner Kurfürstenstraße. Foto: Imanuella Leo

Was Ausstieg wirklich bedeutet

Ein stabiler, abschließbarer Rückzugsort ist laut Nitschmann die Grundlage jedes Ausstiegs. Danach folgen Schritte wie die Klärung behördlicher Angelegenheiten, ein Entzug bei Drogenabhängigkeit oder die Vermittlung in Arbeit und Therapie. Finanzielle Hilfen können kurzfristig Armut und Schulden lindern. Langfristig muss eine wirtschaftliche Perspektive geschaffen werden. Die Dauer eines nachhaltigen Ausstiegs variiert: Ideal sind einige Monate, oft dauern Fälle aber ein Jahr oder länger. Drei Monate gelten als eine Zeitspanne, in der Sisters ohne größere Rechtfertigungen finanzielle Unterstützung übernehmen können. Der Wind trägt Gesprächsfetzen über den Gehweg. Eine Plastiktüte weht über die Fahrbahn, bleibt an einem Bordstein hängen. Die Nacht wirkt gleichzeitig belebt und erschöpft.

Ein System, das Frauen allein lässt

Sexuelle, verbale und physische Gewalt prägen den Alltag vieler Frauen. Dazu kommen Sprachbarrieren, fehlende Rechte, Angst vor Polizei wegen illegaler Aufenthaltsverhältnisse und die Erfahrung, dass Behörden oft nicht oder zu langsam helfen. Nitschmann kritisiert das politische Narrativ: „Man hat sich eingeredet, wir haben’s legalisiert, also ist alles in Ordnung.“ Es sei aber genau das Gegenteil: Es fehlen hauptamtliche Stellen, juristische Beratung, Sozialarbeiterinnen und bezahlte Ausstiegsangebote. Sisters arbeiten ehrenamtlich und sind zeitlich und finanziell begrenzt.

Was dringend passieren muss

Wenn Nitschmann eine sofortige Änderung durchsetzen könnte, wäre es das Nordische Modell und auf kürzere Sicht bezahlte Ausstiegsarbeit. Wichtig sei außerdem, Ausgestiegenen zuzuhören und ihre Lebensrealität sichtbar zu machen: Nicht die glamourösen Stimmen von wenigen Escort-Frauen sollten das Bild dominieren, sondern die Mehrheit – arm, nicht-deutschsprachig, oft nicht frei in ihrer Entscheidung. „Frauen sind keine Ware“, wiederholt sie als Kernbotschaft. In einer Gesellschaft, in der Männer Frauenkörper kaufen können, kann es keine Gleichberechtigung geben.

Leben mit der Straße

Auch Anwohner der Kurfürstenstraße berichten von ihrer Perspektive. Ich verabrede ein Gespräch mit Paul. Er lebt seit zehn Jahren hier und wünscht, dass sein Name für den Beitrag geändert wird. Wir treffen uns in einem Späti direkt in der Kurfürstenstraße. Er beschreibt die Straße nachts als eine komplett eigene Welt. Überall Licht, Stimmen, Autos, irgendwie immer lebendig, aber auch aggressiv. „Ich beobachte genau, wer da ist und ärgere mich über die Freier, die die Frauen bedrängen oder ausnutzen. Die Frauen selbst tun niemandem etwas, trotzdem spürt man die Spannung in jeder Ecke.“ Aus einem geöffneten Fenster über uns fällt warmes Licht auf den Gehweg. Unten läuft das Geschäft weiter. Über die Auswirkungen sagt er: „Es macht das Zusammenleben viel unruhiger, weil Lärm, Aggressionen und rücksichtslose Männer spürbar sind. Ich sehe Nachbarn, die genervt oder verunsichert sind. Die Frauen sind nicht das Problem, aber die Männer, die hier alles missbrauchen, setzen uns alle unter Druck.“ Zu Initiativen im Quartier erklärt Paul: „Das Café Neustart ist ein Lichtblick. Einfach ein Ort, der wirklich schützt und unterstützt. Ich würde mir wünschen, dass Polizei und Sozialarbeit die Freier stärker in den Blick nehmen, statt die Frauen zu verdrängen. Wir brauchen mehr Sicherheit und echte Perspektiven, damit die Frauen geschützt sind und wir alle wieder durchatmen können.“

Die Räume des Café Neustart in der Kurfürstenstraße. Foto: Imanuella Leo

Ein Appell an die Öffentlichkeit

Nitschmann wünscht sich mehr Empathie und weniger Voyeurismus. Statt im Bus über die Frauen der Kurfürstenstraße zu lachen, fordert sie ein Umdenken: Anerkennung, dass Prostitution oft aus Zwang, Armut oder Täuschung entsteht und politische Unterstützung für dauerhafte Ausstiegsangebote. Für viele Frauen ist ein Job nicht nur Einkommen, sondern der Zugang zu einem neuen sozialen Netzwerk. Ein erster Schritt weg von Gewalt und Abhängigkeit. Auf der Straße laufen noch immer Motoren. Eine Frau tritt von einem Fuß auf den anderen, um sich warm zu halten. Ein Auto hält, kurz öffnet sich die Beifahrertür. Nitschmanns Worte klingen nach: „Frauen können nicht gleichberechtigt sein in einer Gesellschaft, in der Männer Frauenkörper kaufen können“. Es ist eine Aufforderung, hinzuhören und zu handeln.

Eine Interviewanfrage an das Ordnungsamt wurde für diese Reportage leider abgelehnt.

Immanuella Leo studiert Nordamerikastudien und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Sie interessiert sich besonders für soziale Ungleichheit und deren mediale Repräsentation. Beruflich strebt sie eine Tätigkeit im investigativen oder sozialpolitischen Journalismus an.

„Nachts wäre ich gern‘ ein Mann“

Wenn Angst Frauen durch die Nacht begleitet

Frauen haben nachts ein erhöhtes Unsicherheitsempfinden in öffentlichen Räumen. Eine Berlinerin berichtet von ihren eigenen Erfahrungen und Einschränkungen auf dem nächtlichen Heimweg. Angebote wie das Heimwegtelefon bieten einen möglichen Lösungsansatz für ein gesellschaftliches Problem, das mehr Aufmerksamkeit bedarf.

Ein Beitrag von Sophie Klein

Schnee liegt auf den Straßen Berlins. Die Nacht ist kalt, Frost sammelt sich an den Fensterscheiben. Auf dem Weg aus der U-Bahn nach Hause kramt Marie B. (*Name auf Wunsch geändert) in ihrer Tasche. Sie sucht ihren Schlüssel. Sie möchte gewappnet sein für ihren Weg durch die schlecht beleuchteten Straßen ihres Kiezes. „Damit ich es schnell zur Haustür und hineinschaffe, sollte mich jemand verfolgen“, erzählt sie.

Die Gegend ist still und menschenleer. Allgemein sei ihre Umgebung belebt und auch zu späteren Uhrzeiten noch Menschen auf der Hauptstraße unterwegs. Gruselig würde es in den Nebenstraßen. „Außer der Hauptstraße ist eigentlich nichts beleuchtet“, erwähnt sie und deutet auf die Straßenlaternen.

Meist versucht Marie B. sich keine Gedanken bezüglich möglicher Szenarien zu machen, die ihr auf dem Heimweg passieren könnten. Immer ließe sich dieses Unsicherheitsgefühl jedoch nicht abschütteln. „Es ist entscheidend, wie viele Leute drumherum sind und welches Gefühl die mir geben.“ Als Frau fühlt sie sich überwiegend unwohl in der Gegenwart von größeren Männergruppen. 

Der Politologe Marcus Kober von der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention sieht dabei kein grundsätzliches Sicherheitsproblem in der Nacht. Hingegen gäbe es bestimmte Gruppen, die Ängste verstärken können. „Das sind ganz regelmäßig junge Männer, am besten noch alkoholisiert. Die lösen in Bevölkerungskreisen ein relatives Unsicherheitsgefühl aus“, verdeutlicht Kober. 

„Man fühlt sich einfach schwächer“, sagt Marie und zuckt die Achseln. Was jedoch immer gleich entscheidend sei für ihre Angst ist die Dunkelheit. Die fehlende Sicht, nicht zu wissen, wer um die nächste Ecke kommen könnte oder wer sich hinter einer Reihe Autos verbirgt. Auch hierzu gibt es nach Kober eine Erklärung: „In sehr hohem Maße beeinflusst Dunkelheit [unsere Wahrnehmung]. Ein stückweit ist es einfach eine anthropologische Grundkonstante, dass wir in der Nacht mehr Angst haben.“

„Zivilcourage aus dem Homeoffice nennen wir das auch manchmal.“

Zur gleichen Zeit macht Melina sich bereit für ihre abendliche Schicht. Vor ihrer Arbeit nimmt sie sich viel Ruhe, um sich auf die kommenden Konversationen vorzubereiten. Dann setzt sie sich eingewickelt in eine flauschige Decke an den Schreibtisch.

An Melinas Arbeitsplatz sind Mikro und Karte bereit für ihre abendliche Schicht beim Heimwegtelefon. Foto: Heimwegtelefon.

Melina arbeitet ehrenamtlich für das Heimwegtelefon, ein in Berlin gegründeter gemeinnütziger Verein. Das Heimwegtelefon bietet verunsicherten Personen die Möglichkeit auf ihrem nächtlichen Nachhauseweg ihre Angst einzudämmen. „Wir sagen immer, wenn die beste Freundin, der beste Freund gerade nicht erreichbar sind, dann wollen wir da einspringen und für den Abend am Telefon die beste Freundin sein“, umschreibt sie ihre Arbeit. 

Melina ist eine von 100 Telefonist:innen, die deutschlandweit, aus Österreich und weiteren Ländern für den Heimweg zur Verfügung stehen. Unter der Woche ist das Angebot zwischen 21 und 24 Uhr zu erreichen, an Freitagen und Samstagen sogar bis drei Uhr. Das Anrufaufkommen variiert je nach Jahreszeit und Wochentag.

Trotz erhöhter Dunkelheit gibt es im Winter weniger Anrufe als im Sommer, erklärt Melina. Dies läge an lauen Sommernächten, in welchen mehr Menschen zu später Stunde unterwegs seien. Im Durchschnitt erhalte das Heimwegtelefon etwa 100 Anrufe pro Woche. 2025 riefen circa 5000 Personen an, was einer Gesprächszeit von 63.122 Minuten entspricht, oder etwa 44 Tagen. „Zivilcourage aus dem Homeoffice nennen wir das auch manchmal“, antwortet Melina lächelnd. 

Auf der Website des Heimwegtelefons, wird hervorgehoben, dass sie insbesondere Frauen kein Angstgefühl aufzwingen wollen: „Wir wollen keine unnötige Angst schüren oder Dinge dramatisieren.“ Stattdessen streben sie danach, ein individuelles Sicherheitsgefühl für jeden zu schaffen. 

„Die Ängste unserer Anrufenden sind so unterschiedlich und individuell wie die Menschen selbst“, reflektiert Melina. „Wiederkehrende Themen sind auf jeden Fall Dunkelheit und alkoholisierte Menschengruppen.“

Marcus Kober sieht den Vorteil eines Service wie des Heimwegtelefons besonders in der Anwesenheit von potenziell hilfsbereiten Außenstehenden. Täter liefen Gefahr beobachtet und möglicherweise gefasst zu werden. Kober beschreibt dies als informelle Sozialkontrolle, die erhöht werden könne. „Das ist ein ähnlicher Mechanismus, wenn man jemanden am Ohr hat und das Gefühl hat, ich bin hier nicht allein, sondern wenn mir etwas bedrohlich erscheint, kann ich jemanden verständigen“, bestätigt Kober.

Er betont jedoch die Notwendigkeit von weiterer Forschung und Diskurs. Auch mögliche negative Auswirkungen seien denkbar: „Was ich kritisch sehen könnte [ist], dass man sich dadurch in einem falschen Gefühl der Sicherheit währen könnte, weil die objektiv [nicht] gegeben ist.“

Macht das Geschlecht einen Unterschied? 

Nach einer Erhebung des Bundeskriminalamts zur Sicherheit und Kriminalität in Deutschland 2020 ist das grundsätzliche Sicherheitsempfinden in Deutschland hoch. Tatsächlich ist die Erwartung, Opfer einer Straftat im öffentlichen Raum und nachts zu werden, jedoch verbreitet, insbesondere bei Frauen. Das zeigen sowohl die Ergebnisse Marcus Kobers eigener Forschung, als auch die des BKA. Die meisten der 2024 erfassten Straftaten im öffentlichen Raum geschehen jedoch zwischen Männern und im engeren Umfeld.

Abweichungen zeigen sich in bestimmten Alltagssituationen, wie beispielsweise im öffentlichen Personennahverkehr. Über die Hälfte an Frauen verzichtet darauf letzteren in Deutschland bei Nacht zu nutzen. Die Nutzer:innen des Heimwegtelefons sind ebenfalls zu 87 % Frauen. 

Bei Frauenfeindlichkeit als Tatmotiv sei in Deutschland ein Anstieg von 73,3 Prozent festgestellt worden. Auch die Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 für Berlin stellt tageszeitunabhängig einen Anstieg der Zahl der Gewaltdelikte und sexueller Übergriffe an Frauen in Berliner öffentlichen Räumen fest. Frauen sind dreimal so häufig betroffen wie Männer von Sexualdelikten. Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, wie Übergriffe oder Belästigung, waren zu 79 Prozent Frauen. Dabei verzeichnete das BKA 2024 einen Anstieg jeglicher Form von Sexualdelikten. Die Studie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland, SKiD, verdeutlicht, dass Sexualdelikte besonders selten zur Anzeige gebracht werden. Die Dunkelziffer, das heißt die Zahl an den Behörden unbekannten begangenen Delikten, ist hoch.

Melina ist es wichtig zu erwähnen, dass das Heimwegtelefon für alle zur Verfügung steht. Sie selbst mache es traurig Unsicherheiten zu hören, ob Männer diesen Service auch nutzen könnten, zusätzlich zu dem situativen Unwohlsein auf dem Heimweg. Daher betont sie: „Wir sind für Menschen da.“

Auch für Marie B. gibt es innerhalb Berlins bestimmte Orte, die sie zu später Stunde meidet, wie der Alexanderplatz.  

Am Alexanderplatz tummeln sich die Leute trotz der winterlichen Temperaturen. Hier werden abendliche Einkäufe erledigt, umgeben von boomendem Tourismus. Eine Klassenfahrt ringt sich um die Weltzeituhr. Auf der anderen Seite des Platzes, getrennt durch die Tramlinie, sitzt eine kleine Polizeistation. Eine ständige Präsenz. Über all dem thront der Berliner Fernsehturm, die Lichter reflektieren auf seiner silbrigen Oberfläche. Unter den Füßen der Massen erstrecken sich die U-Bahn-Tunnel, die Marie B., so gut es geht, zu vermeiden versucht. Sowohl tagsüber als auch nachts hat sie hier Erfahrungen mit sexueller Belästigung, Catcalling und Beleidigung gemacht.

Catcalling ist eine Form von Übergriffigkeit, primär gegenüber Frauen, die z.B. aus Ausrufen oder Pfiffen bestehen, um so Aufmerksamkeit zu erlangen.

Der Alexanderplatz ist auch zu nächtlicher Stunde und kalter Jahreszeit belebt. Foto: Sophie Klein

Marie B. glaubt, dass das Sicherheitsempfinden eindeutig vom Geschlecht beeinflusst ist, sowohl bei sich selbst, als auch von außen. „Wenn man mit männlichen Freunden unterwegs ist, die machen sich gar nicht die Gedanken darüber“, erinnert sich Marie B. Oft würden die Sorgen von ihren Freunden nicht ernst genommen.

Dabei seien Frauen grundsätzlich nicht häufiger betroffen. Ein Faktor seien eher alltägliche Erfahrungen, die speziell bei Frauen das Sicherheitsgefühl mindern. Kober erläutert, diese würden selbst nicht per se als Straftat klassifiziert, wie beispielsweise Catcalling oder geschlechtsspezifische Beleidigungen.

Über diese Verhaltensweisen müsse verstärkt ein gesellschaftlicher Diskurs entstehen. „Mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen und eben diese Wahrnehmung anderer Menschen mit einzupreisen oder zu berücksichtigen. Da Empathie und Verständnis an den Tag zu legen und sich im eigenen Verhalten danach auszurichten“, das wünscht sich Kober.

Marie B. erzählt von ihren eigenen Vermeidungsstrategien. Ist sie spät Abends noch unterwegs, analysiert sie genau ihre Umgebung. Ein ausreichend geladener Handy-Akku oder ein prüfender Blick in den U-Bahn-Wagon sind dabei eine erste Sicherheitsinstanz.

In ihrer alten Wohngegend in Moabit hatte sie abends durch einen beinahe unbeleuchteten Park gemusst. Kaum eine der Laternen brennt. Einzig der Schnee auf den Blättern, Ästen der kahlen Bäume und einigen Parkbänken reflektiert das Licht. Eingezäunt von der Natur glaubte Marie B. Bewegungen aus dem Augenwinkel zu erkennen, wenn sie alleine durch den Park ging. Stattdessen umrundete sie ihn lieber, was ihren Heimweg deutlich verlängerte. „Wenn es auch nicht als große Einschränkung erscheinen mag, ist es doch eine Einschränkung“, sagt Marie. 

Den Schlüssel schon in der Hand witzelt sie: „Nachts wäre ich gern‘ ein Mann.“

Eigene Schutzmaßnahmen ergreifen

Die Grenzen von Angeboten wie des Heimwegtelefons liegen in ihren Reaktionsmöglichkeiten in akuten Gefahrensituationen. Denn ein direktes Eingreifen ist für die Telefonist:innen nicht möglich. „Wir wollen nicht wie irgendwelche Hilfssheriffs auftreten. Wir sind für den Teil zuständig, wo es ’nur ein Gefühl‘ ist, aber keine konkrete Gefahrenlage vorliegt“, erläutert die Telefonistin. Befänden sich Anrufer:innen in konkreten Notlagen, gäbe es für die Telefonist:innen die Möglichkeit zur direkten Weiterleitung an Rettungs- und Notdienste. 

Dunkle Straßen und Parks erhöhen für Frauen wie Marie B. das Unsicherheitsgefühl. Foto: Sophie Klein

Melina betont die Skepsis des Heimwegtelefons gegenüber eigenständigen Verteidigungsmaßnahmen wie Pfefferspray oder anderen Waffen. Diese könnten schnell abgenommen und gegen einen selbst verwendet werden.

Die Schlüssel zwischen den Fingern, bereit im Notfall auszuholen, ist das ein für Marie B. denkbares Szenario? Sie sagt nein, sie wisse um das mögliche Verletzungsrisiko. Auch weitere Verteidigungswerkzeuge trägt sie nicht bei sich. 

Dem Thema fehlt es an Sichtbarkeit

Trotz kommunaler und regionaler Zusammenarbeit brauche es laut Melina mehr Sichtbarkeit. „Das Thema Sicherheit bzw. Sicherheitsempfinden ist eine so große Thematik, die oft nicht besprochen oder nur sehr einseitig beleuchtet wird“, appelliert sie. Mit Berlin, der Heimatstadt des Vereins, gibt es keine Kooperation.

„Das Heimwegtelefon möchte in dieser ganzen Problematik nur ein Puzzleteil der Lösung sein. Aber es gibt noch so viele Aspekte, aus denen man das betrachten kann“, beschreibt Melina die Rolle des Vereins. Weitere kriminalpräventorische Maßnahmen müssten beispielsweise verstärkt aus der Stadtplanung kommen. Die Beleuchtung der Dunkelheit wird hier erneut zum Thema. Dabei sei die gesteigerte Unsicherheit kein neues Phänomen. Melina erzählt von Menschen aller Altersgruppen, die ihr Leben lang von ähnlichen Situationen berichte.

Marie B. kritisiert die allgemeine Herangehensweise bezüglich Opfern in öffentlichen Räumen. Oft müssten Opfer selbst aktiv werden oder auf Zivilcourage vertrauen. Dabei habe sie wenig Vertrauen, dass ihr tatsächlich geholfen wird. Marie B. könne von verschiedenen Unsicherheitssituationen berichten, in denen sie keine Hilfe erhalten hat. 

Auch Marcus Kober hält es für notwendig, dass ein gesellschaftlicher Wandel im Diskurs mit Themen wie geschlechtsspezifischen Unsicherheiten stattfindet. „[Frauen] können sich nicht frei verhalten und das ist ein gesellschaftliches Problem, mit dem man sich auseinandersetzen sollte“, kritisiert der Politologe.

Melina findet abschließende Worte über den notwendigen Diskurs zum Thema geschlechtsspezifischer Angst in der Dunkelheit: „Es ist wichtig, im Austausch darüberzustehen und neugierig und offen gegenüber den Perspektiven anderer zu sein.“

Marie B. winkt zum Abschied, den Schlüssel noch immer in der Hand. Heute hatte sie keine Angst. Was bleibt, ist die Unsicherheit über morgen. 

Sophie Klein studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Politikwissenschaft in Berlin. In ihrer Freizeit liest sie gerne Bücher und schreibt kreativ. Ihr Interesse für Politik und Feminismus will sie in ihre zukünftige Arbeit als Journalistin integrieren.

Unterschlupf: Treffpunkt für wohnungslose Frauen

Betti ist eigentlich Köchin, engagiert sich aber schon lange für obdachlose Frauen. Sie hat den Unterschlupf alsTreffpunkt und Café für wohnungslose Frauen gegründet, die hier tagsüber einen sicheren und freundlichen Ort finden. Die Existenz des Unterschlupfs ist aber kündigungsbedingt bedroht

Eliza Beuster, Nele Klaffl, Lisa Roll und Elene Tsereteli sprechen mit Betti und Frauen, die bei ihr und ihren Mitarbeiterinnen Schutz und Ruhe finden.