Eine kleine Party-Nachlese

Nun ist es ja schon wieder mehr als zwei Wochen her, dass die Semesterauftaktparty der Fachschaftsinitiativen an der FU – na gut, zumindest einiger von ihnen – im Festsaal Kreuzberg stattfand (s. vorigen Beitrag). Der Festsaal ist wieder aufgeräumt, die Musikanlage abgebaut, Pfandflaschen abgegeben und auch die hartnäckigsten Folgeerscheinungen bei Gästen und HelferInnen hoffentlich schon lange wieder abgeklungen. Zeit für eine kleine Rückschau…
Zunächst einmal war es erstaunlich, ja fast schon unglaublich, wie viele Menschen gekommen waren. Die Warteschlange reichte teilweise bis zum Supermarkt am U-Bahnaufgang (wer sich dort nicht auskennt: das sind 30 Meter, wenn nicht noch mehr). Das hat zum Teil sicherlich damit zu tun, dass der Einlass erstmals nicht am Eingang zur Halle war, sondern gleich am Tor zum Hof, trotzdem war die Resonanz überwältigend. Angesichts der eher, nun ja, mageren Mobilisierung wirklich erstaunlich. Für viele der HelferInnen sah der Konsens noch beim Aufbauen eher so aus: „Ach, da kommen bestimmt eh nicht so viele.“ Anscheinend hat hier das Internet dort nachgeholfen, wo über Plakate und Flyer nicht allzu viel passiert ist. Doch der große Andrang hatte auch einen Nachteil, schließlich standen viele Menschen teilweise sehr lange in der Schlange. Dass dann die Securities auch noch anfingen, nach Studi-Ausweisen zu fragen, hat natürlich nicht unbedingt dazu beigetragen, dass es schneller ging. Innen war die gute Stimmung jedoch schnell wiederhergestellt, zu dem Zeitpunkt da die letzte dem Verfasser bekannte Person den Festsaal verließ war dieser noch keineswegs leer. Und das, obwohl zu dem Zeitpunkt eine von zwei Biermarken schon seit Stunden ausverkauft war!
Aber dieser Artikel soll gar nicht so sehr die Erinnerung an eine Veranstaltung kanalisieren, an die vermutlich eh jedeR eigene Erinnerungen hat. Vielmehr hoffen wir auf Feedback mittels der Kommentarfunktion und eventuell auf Anregungen zu einigen Fragen, die wir uns als Beteiligte an der Organisation derzeit auch stellen:
– War die Party schon zu groß? Oder ist das Maximum noch nicht erreicht?
– Haben sich alle wohl gefühlt?
– Würde das mit dem unkommerziellen und politischen Rahmen in größeren Zusammenhängen überhaupt klappen?
Also wie gesagt, über eine Diskussion in der Kommentarleiste freuen wir uns – bitte bleibt konstruktiv 🙂 Sexistische oder homophobe (hier besonders hervorgehoben, da bei Parties leider besonders relevant) Anmachen werden kommentarlos gelöscht.

P.S.: Wer noch verlorene Kleidungsstücke sucht: Die liegen im AStA und können dort abgeholt werden. Und noch ein Wort zu den Einnahmen, die gehen an verschiedene Berliner soziale Projekte und an Betroffene der Repression während der Offenen Imma-Feier (sollte es nötig werden).

Ein wenig Werbung…

Heute mal ausnahmsweise ein wenig Werbung in eigener Sache: wie die/der aufmerksame BeobachterIn wahrscheinlich bereits mitgekriegt haben, kommt dieses Jahr Horst Köhler zur Immatrikulationsfeier. Dieser hohe Besuch macht besondere Maßnahmen nötig: so dürfen zum ersten Mal nur Erstsemester auf die Immatrikulationsfeier. Wurde eine Zeit lang unter den Studierenden noch darüber spekuliert, ob dann das Vorzeigen des Studienausweises genügen würde, herrscht mittlerweile Klarheit über das Prozedere. StudienanfängerInnen, die eine Einladung wollen, müssen ihre Personalien – und die von maximal zwei Begleitpersonen – bei der FU abgeben. Die leitet die Daten, samt persönlicher E-Mailadresse und Telefonnummer, ans Bundespräsidialamt weiter. Wer dort die Daten überprüft und was anschließend damit passiert, darüber gibt es keine Informationen.
Wozu es Informationen gibt, sind Protestaktionen: Studierende höherer Semester und „Erstis“, die keine Lust auf bespitzelt-werden hatten, haben eine Alternativveranstaltung angemeldet. Die Polizei verlegte die Kundgebung zwar vom gewünschten Platz vor dem Denkmal an die Ecke Garystraße/Boltzmannstraße; doch auch hier können wir zeigen, dass wir lieber unsere eigene Imma-Feier veranstalten, als Lenzens Selbstbeweihräucherung zuzuhören und uns vom BKA ausspähen zu lassen.

Also kommt zahlreich zur Offenen Immatrikulationsfeier – von Studierenden, für ALLE Studierenden, MitarbeiterInnen, Profs, Eltern, Außerirdische… Es wird Musik, Redebeiträge, Getränke und eventuell VoKü geben. Je mehr wir sind, desto deutlicher setzen wir ein Zeichen dass dies auch unsere Uni ist!

Mittwoch, 5.11. ab 9 Uhr an der Kreuzung Garystraße/Boltzmannstraße (zwischen Henry-Ford-Bau und Wirtschaftswissenschaftlicher Fakultät).


Und am nächsten Tag findet die wie jedes Jahr bestimmt großartige Semesterauftaktparty der FSIn statt. Ebenfalls wie jedes Jahr im Festsaal Kreuzberg, mit guter Musik, billigen Getränken und Cocktailtresen. Anders als letztes Jahr gibt es auch wieder eine VoKü, falls mensch vom Tanzen Hunger kriegt.

P.S.: Für beide Veranstaltungen werden noch HelferInnen gesucht. Wer sich angesprochen fühlt, kann ja mal eine E-Mail an fsiosi@web.de schreiben.

Auf in ein neues Semester!

In gut einer Woche ist es soweit, dann beginnt ein weiteres Semester am OSI. Gegenüber den letzten Jahren hat sich eines ganz entscheidend verändert: erstmals seit der Gründung des Otto-Suhr-Instituts wird es keine StudienanfängerInnen geben, die im Diplomstudiengang eingeschrieben sind. Denn auch wenn dieser Studiengang noch besteht, wurde die Zulassungszahl dafür durch einen Beschluss des Akademischen Senats am 25.6. diesen Jahres auf 0 (ja richtig, Null) gesetzt. Alle Versuche verschiedenster studentischer Gruppen und Einzelpersonen, aber auch von einigen ProfessorInnen, diesen Beschluss zu verhindern, blieben letztlich erfolglos. Stattdessen setzte sich der Fachbereichsrat (FBR) mit seiner etwas seltsamen Logik, das Diplom vorrübergehend auszusetzen um es „zu retten“, durch. Die ganze Absurdität dieser Argumentation lässt sich hier nochmal verfolgen. Ebenfalls zu „Dank“ für diese Maßnahme verpflichtet sind wir dem Berliner Bildungssenator Zöllner und dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrats Becker, die beide massiv Druck auf das OSI ausübten, das Diplom einzustellen. Wäre es nach diesen beiden Herren gegangen, sogar dauerhaft. Die Antwort auf die Frage, wie in gerade einmal sechs Semestern gelernt werden soll, wie mensch eigenständig wissenschaftlich arbeitet, Kritik übt oder über sein Fach hinausdenkt, bleiben die Apologeten des Bologna-Prozesses (den der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hier als „Fehlschlag“ bezeichnet) weiterhin schuldig. Nun hilft nur abwarten: die Entscheidung, wieder Studierende zum Diplom zuzulassen, fällt frühestens nächstes Sommersemester. Auch ob der Bachelorstudiengang nun, da die wichtigse Alternative entfallen ist, weiterhin so vergleichsweise „locker“ gehandhabt wird, wird sich zeigen. Wir haben auf jeden Fall ein Auge drauf.
Auch weitere Konflikte, die uns als Studierende direkt betreffen, haben sich aus dem letzten Semester erhalten: die Auseinandersetzung um den Strukturplan (s. hier) beispielsweise. Der neue Strukturplan wurde zwar in gleich zwei Feriensitzungen des Fachbereichsrats (üblich ist maximal eine) durchgeboxt, doch die beiden Dozenten zu deren Gunsten dies geschah sind dennoch dem Ruf an andere Hochschulen gefolgt. Nun hat das OSI also einen Strukturplan mit zwei maßgeschneiderten Stellen, aber vorerst niemanden der diese beiden Stellen ausfüllen könnte. Wir fordern daher erneut, auch in diesem Semester, die volle Wiederherstellung der Ideengeschichtsprofessur. Ebenfalls erhalten bleiben wird uns wohl die Auseinandersetzung um die Fachbereichsbibliotheken (siehe z.B. hier). Hier heißt es vor allen Dingen „wachsam bleiben“, denn die Pläne des Präsidiums sind nicht vom Tisch, und es gibt bereits Anzeichen für eine Taktik der schleichenden Verschlechterung der Arbeits- und Lesebedingungen am Fachbereich. Vermutlich soll nach immer weiteren Zusammenlegungen, Lesesaal-Verlegungen und Bücherkürzung der Umzug in die Universitätsbibliothek als „bessere Alternative“ dargestellt werden. Auch das werden wir nicht unwidersprochen hinnehmen.

Doch wir wollen nicht immer nur meckern. Für diejenigen, die dieses Semester mit dem Studium anfangen: es erwartet euch auf jeden Fall ein interessantes – aber nicht perfektes – und streitlustiges – wenn auch oft viel zu zahmes – Institut. Es gibt immer noch kritische DozentInnen am OSI, und eine Menge an der Hochschule und ausserhalb engagierte Studierende. Mit der (wenn auch befristeten) Berufung von Frau Dr. Vinz auf eine Stelle für „Gender und Diversity Studies“ tut sich zum ersten Mal seit der Emeritierung von Prof. Grottian sogar wieder was im Gender-Bereich. Als Studierende ist unser Einfluss auf die Gestaltung des Instituts nicht ganz so beschränkt, wie der Blick auf die Gremienordnung es auf den ersten Blick erscheinen lässt: das letzte Jahr hat mit Bibliotheksskandal und Strukturplanauseinandersetzung gezeigt, dass durch massiven Druck „von unten“ sich zumindest eine breite öffentliche Diskussion erreichen lässt. Im Fall der Bibliotheken wurden sogar die angeblich bereits abgesegneten Präsidiumspläne auf Eis gelegt. Es gibt spannende Seminare von Studierenden (leider viel zu wenige), sowohl für StudienanfängerInnen als auch für Fortgeschrittene. Und wir arbeiten daran, dass die Einschränkungen hinter den positiven Beschreibungen weniger werden…

In diesem Sinne: Einen guten Start ins neue Semester! Für Solidarität und freie Bildung! Und nicht zuletzt: Lenzen absägen…

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P.S.: Termine:
– 1.10.: Beginn der Anmeldefrist im Campus Management.
– 6. – 9.10.: Anmeldezeitraum für Sprachkurse (in der Silberlaube)
– 7. – 9.10.: Einführungstage für Erstsemester am OSI
– 28.10.: Erstes Initreffen im neuen Semester: 16-18 Uhr am/im Roten Café
– 6.11.: Semesterauftaktparty im Festsaal Kreuzberg, zusammen mit anderen FSIs: 21 Uhr, nahe U Kottbusser Tor

Der Strukturplan schmeckt uns nicht!

Es gibt Dinge, die lassen sich gut vermengen, ja, die soll mensch sogar vermengen: Wasser, Hartweizengrieß und Ei beispielsweise ergeben leckeren Nudelteig. Bei anderen Sachen ist eine Vermengung hingegen weniger zu empfehlen. In die Reihe dieser Dinge reiht sich neben Essig und Backpulver, Materie und Antimaterie und einigen anderen ungesunden Dingen nun die Vermengung von Struktur- und Personalentscheidungen am OSI ein. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest ein Rechtsgutachten, welches der AStA der FU in Auftrag gegeben hatte, um die Strukturplanänderung (s. hier) am OSI überprüfen zu lassen. In diesem Gutachten wird klipp und klar festgestellt, dass die Entscheidungsfindung bei der Änderung des Strukturplans am OSI – und damit auch der neu beschlossen Strukturplan – nicht rechtmäßig war. Nur mal kurz zur Erinnerung: Entscheidungen, die die Struktur eines Instituts betreffen, müssen öffentlich diskutiert werden – das sieht das Berliner Hochschulgesetz (BerlHG) vor. Bei Personalfragen wird hingegen unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert. Da der vor kurzem verabschiedete neue Strukturplan des OSI recht konkret auf zwei Personen zugeschnitten ist, wurde der Plan in einer Institutsratssitzung Ende Mai im nichtöffentlichen Teil besprochen, mit Verweis darauf, dass dies eine Personalangelegenheit sei. Der einzige anwesende Student wurde aus dem Raum geschickt, da er kein stimmberechtigtes Mitglied des IR ist. Eben dieses Vorgehen, so der Anwalt des AStA, sei aber nicht rechtmäßig.
Doch damit nicht genug der Kritik: auch das „verschlankte“ Berufungsverfahren, bei dem eine Kommission lediglich über die „fachliche Eignung“ der Bewerber entscheidet (anstatt unter einer Vielzahl an BewerberInnen die/den GeeignetsteN herauszufinden), sei in einem Fall nicht möglich. Einer der beiden Kandidaten sitzt auf einer befristeten W2-Professur, die nicht einfach so entfristet werden dürfe. Der in Art. 33 Grundgesetz vorgeschriebenen öffentlichen Ausschreibung öffentlicher Ämter wird nämlich im „verschlankten Verfahren“ keine Rechnung getragen. Als weiteren Punkt führt das Gutachten aus, dass die konkurrenzlose Einstellung zweier weißer Männer sowohl gegen das Allgemeine Gleichstellungsgesetz als auch gegen die Frauenförderrichtlinie der FU Berlin verstößt. Doch wenn jetzt alle FreundInnen der Ideengeschichte aufatmen: übertriebener Grund zur Freude ist dieses Gutachten nicht. Das FU-Rechtsamt wird sowohl das Gutachten als auch dessen Gegenstand – die Strukturplanänderung – erneut prüfen; da das Rechtsamt in der Vergangenheit häufig „FU-freundlich“ entschieden hat, kann es durchaus sein, dass Lenzens Justiziare zu einem anderen Ergebnis kommen. In der Zwischenzeit nahen die Semesterferien, in der es die Studierenden erfahrungsgemäß schwer haben, sich zu organisieren und „am Ball zu bleiben“.

Wie geht es weiter?

Davon abgesehen, haben sich die Verantwortlichen an Institut und Fachbereich in eine ziemliche Sackgasse manövriert: sie müssen die Besetzung der neu geschaffenen Stellen schnell durchziehen, wenn sie die beiden fraglichen Personen nicht doch noch „verlieren“ wollen. Dies zuzugeben, stellt andererseits aber eine offensichtliche Bestätigung des Vorwurfs dar, dass der Strukturplan von Beginn an mit Personalfragen verknüpft wurde – was, wie oben ausgeführt, unrechtmäßig ist. Im Extremfall könnte dies zu einer Klage und einer Rückgängigmachung der Strukturplanänderung führen – dann aber vermutlich zu einer Zeit, in der beide Lehrstühle (und die Juniorprofessur Ideengeschichte!) schon besetzt wären. Was mit Sicherheit weder der Atmosphäre am noch dem Ruf des OSI gut tun würde. Doch auch für die Studierenden ist die Situation nicht unproblematisch: schließlich gibt es zumindest im Fall einer der zwei Personen auch eine große studentische Initiative, ihn zu halten. Zudem begrüßen wir natürlich grundsätzlich (nicht in der konkreten Ausgestaltung!) die Aufstockung der Lehrstühle am OSI. Allerdings sollte eines klar sein: falls es zu einer juristischen Auseinandersetzung und einer Rückgängigmachung des Strukturplans oder anderen negativen Folgen kommen, so ist dies nicht unsere Schuld! Die liegt vielmehr bei jenen, die trotz jahrelanger studentischer Forderungen nach Einbindung in Entscheidungsprozesse immer noch der Meinung waren, mittels formalrechtlicher Winkelzüge die Studierenden von solch weitreichenden Entscheidungen ausschließen zu können!
Doch eventuell könnte ein Kompromiss gefunden werden: nämlich im Erhalt der Ideengeschichte als Vollprofessur. Ein Weg dazu wäre die von Brose ins Gespräch gebrachte, angeblich mögliche Aufstockung der Juniorprofessur (W1) zu einer W2-Professur. Ein anderer wäre, das offensichtlich vorhandene Interesse des Präsidiums und des Sonderforschungsbereichs am Verbleiben der zwei umworbenen Dozenten auszunutzen. Dazu müsste (am besten mit den Buchstaben des Gesetzes im Rücken) den Verantwortlichen klargemacht werden, dass wir den Strukturplan nur dann akzeptieren, wenn das OSI noch eine halbe Stelle mehr kriegt und somit die Ideengeschichte wieder zu einem vollwertigen Lehrstuhl wird.
Der Kampf um den Erhalt der Ideengeschichte geht also weiter, schon nächsten Mittwoch (16.7.) im Fachbereichsrat. Um 9 Uhr s.t. im Hörsaal B der Ihnestr. 21. Je mehr Menschen wir dabei sind, desto besser!

Ach ja, und wir sind mal so frei, folgenden Text von Dr. Rauschenbach zu veröffentlichen:

Das war schon immer so?

Über Demokratie, Macht und Strukturentscheidungen am OSI

Wie funktioniert Herrschaft? Das ist eine Grundfrage von Politikwissenschaft, mit der sich Studierende dieses Fachs während ihres Studiums auseinandersetzen. Aber Herrschaft ist nicht gleich Herrschaft. Eine besondere Herrschaftsform ist die Volksherrschaft oder Demokratie, deren Charakteristika geregelte und damit transparente Verfahren der Entscheidungsfindung durch alle Mitglieder eines Gemeinwesens (Staatswesen, Institutionen, Unternehmen) sind. Demokratie ist der Grundwert, von dem aus eine politikwissenschaftlich fundierte Herrschaftskritik geschieht. Nun sind seit geraumer Zeit diskursive Verschiebungen bemerkbar. Von postdemokratischen Verhältnissen ist die Rede und man weiß nicht genau, inwieweit sich in dieser Rede empirische Elemente mit normativen vermischen. Demokratie, das ist sicher, macht Umstände, die manch eine Unternehmensführung schon aus Gründen der Effizienz gerne vermiede. Das Unternehmen Universität ist von diesen Gelüsten, zumal in Zeiten der Elitenbildung und des Sparzwangs, wo es so oder so ums Geld geht, nicht ausgenommen. Jedenfalls drängt sich der Eindruck auf, dass gerade „Eliteuniversitäten“ sich die Zeit für ordentliche demokratische Entscheidungsverfahren nicht mehr leisten können/wollen, wenn sie auf die Einhaltung bestimmter Verfahrenregeln bei der Berufung verzichten.

Man sagt uns: Was regt ihr euch auf. Das war doch schon immer so.

Natürlich weiß jeder und jede, die in Berufungsverfahren saßen, dass jenseits und unterhalb der formellen Verfahrensebene informelle Absprachen stattgefunden haben – bis hin zu dem Punkt, wo das formelle Verfahren durch Eingriffe von oben im Nachhinein zunichte gemacht wurde. Das führt zu Frust und Unlust bei der Mitwirkung an derartigen Verfahren. Nichtsdestotrotz ist die Einhaltung der Verfahren mit klaren demokratischen Regeln (auch wenn diese mit Gruppenprivilegien ausgestattet sind) die einzige Methode, Prinzipien einer Hochschule in der Demokratie mit einer pluralistisch durch die verschiedenen universitären Gruppen definierten Qualitätssicherung aufrecht zu erhalten. Wir haben große Sorge, dass diese Prinzipien aktuell in Gefahr sind. Man sagt uns: Was regt ihr euch auf. Das war doch schon immer so. Aber dieses Argument ist aus drei Gründen unaufrichtig und falsch.

1. Das Argument stimmt empirisch nicht. Richtig ist, dass mehrere Verfahren am Fachbereich hochproblematisch gelaufen sind. Aber eben diese Probleme entstanden nicht durch Verfahren, sondern durch spätere Intervention.
2. Das Argument ist wissenschaftspolitisch falsch. Niemand wird behaupten, dass es rein objektive Maßstäbe zur Auswahl der besten KandidatInnen unabhängig von gleichzeitig vorhandenen wissenschaftstheoretischen und -politischen Grundsätzen und Orientierungen gibt, auch wenn im Einzelfall klare Übereinstimmungen auch in heterogen zusammengesetzten Kommissionen möglich sind. Gerade die Garantie dieser Heterogenität und die damit zugestandene demokratische Entscheidungsfindung ist allerdings die Basis von Wissenschaft in der Demokratie. Alles andere führt zu Klientelismus und dient implizit der Herabsetzung der wissenschaftlichen Leistungs- und Kritikfähigkeit.
3. Das Argument ist demokratietheoretisch hochproblematisch. Demokratie zielt in ihrem Grundsatz auf mehr und nicht weniger Beteiligung. Eine Hochschule in der Demokratie kann sich von diesem Grundsatz nicht verabschieden, ohne ihre eigenen Voraussetzungen zu gefährden.

Das Prinzip der freiwilligen Knechtschaft

Warum ist das Argument gleichwohl im Umlauf? Eine Antwort könnte sein, dass es schon immer gut gewirkt hat. Étienne de la Boëtie, Autor der kleinen Schrift Von der freiwilligen Knechtschaft sorgte bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts für entsprechende Aufregung, als er in einer leidenschaftlichen Untersuchung der Frage, warum und wie Herrschaft funktioniert, eine entsprechende Antwort gab. Gewiss ist in seiner Schrift einerseits vom Tyrannen die Rede und damit von undemokratischen Herrschaftssystemen. Andererseits, und darin liegt die Modernität der Analyse, funktioniert gerade die Tyrannei durch Systeme der Komplizenschaft. Tyrannen sind auf Menschen angewiesen, die freiwillig Knechte sind.
Betrachten wir uns doch einmal versuchsweise im Spiegel dieser humanistischen Herrschaftskritik. Als ersten Grund für die freiwillige Knechtschaft nennt La Boëtie die Gewohnheit. „Das war schon immer so“, ist die prototypische Antwort von Untertanen. Der zweite Grund ist der „Köder der Knechtschaft“, so wie er in kleinen Schnittchen am Buffet der Großen ausgelegt wird. Den wichtigsten Grund, gleichsam „das Geheimnis und die Erklärung der Herrschaft“, sah La Boëtie schließlich in einem perfekten System der Günstlingswirtschaft: Einer hat fünf oder sechs Vertraute, die wiederum halten sich „sechshundert, die unter ihnen schmarotzen“, die schließlich verleihen weiteren sechstausend unter ihnen irgendeinen Rang usf.

Der Endeffekt ist ein System, in dem jeder glaubt, durch ein bisschen Buckeln Karriere zu machen und damit am Reichtum und der Macht partizipieren zu können. Sagte vor knapp 500 Jahren La Boëtie.

Muss man sich noch fragen, warum die Ideengeschichte am OSI keine Zukunft mehr hat?

Prof. Dr. Brigitte Rauschenbach in Zusammenarbeit mit der studentischen Initiative für Politische Theorie am OSI

Bericht aus dem OSI-Rat vom 25.6.2008

In einer wegen Prüfungswoche schwach besetzten – das Gremium war nicht einmal beschlussfähig – Sitzung des Institutsrats des OSI ging es vergangene Woche um mehrere interessante Themen. Die Sitzung entwickelte sich denn auch schnell zu einem Zwiegespräch zwischen Massing und den anwesenden StudierendenvertreterInnen; von professoraler Seite war ausser Massing ohnehin nur Sven Chojnacki erschienen.
Zunächst berichtete Frau Zehrer (Bibliotheksleitung) von der letzten Sitzung der Bibliothekskommission. Viel interessantes kam dabei nicht zu Tage – erst als eine Studierende die mittlerweile mehr als 800 für den Erhalt der Bibliotheken gesammelten Unterschriften übergeben wollte, kam etwas Bewegung in die Sache. So werden sich Massing und Lehmkuhl (die für Bibliotheksfragen zuständige erste Vizepräsidentin der FU, s. auch hier und hier) am 11.7. in einem nicht-öffentlichen Gespräch erneut mit der Zukunft der Sozialwissenschaftlichen Bibliothek(en) befassen. Massing kündigte dabei an, die 800 Stimmen auf den Unterschriftenlisten mit zu vertreten. Auch der Fachbereichsrat wird sich in einer der nächsten Sitzungen erneut öffentlich mit dem Thema befassen – in diesem Semester kommen dafür nur noch die Sitzungen am 2. und am 16. Juli in Frage. Sobald wir einen konkreten Termin erfahren, wird es hier eine Ankündigung geben.
Diskussionen gab es wiederum um die Zielvereinbarungen zwischen OSI und Präsidium. Wie bereits im letzten Semester vom I-Rat beschlossen, werden die Mittel „verwaister“ Kostenstellen in den OSI-Haushalt umgeleitet. Als „verwaist“ gilt eine Stelle derzeit, wenn ihrE InhaberIn länger als ein Jahr ausgeschieden ist und an keinen drittmittelgeförderten Projekten mehr arbeitet. Interessant wurde es hingegen bei einem ganz anderen Punkt, der zumindest für mich recht überraschend kam: das OSI ist derzeit tatsächlich überbesetzt, was Dozierende und Wissenschaftliche MitarbeiterInnen angeht. Das Präsidium möchte diesen „Missstand“ gerne beseitigen und hat den Fachbereich dazu gebracht, die Kosten für diese Stellen schrittweise selbst zu übernehmen. Dies schränkt die finanziellen Spielräume des Fachbereichs erheblich ein, allerdings soll niemandem deshalb gekündigt werden. Dennoch wird dies in den nächsten Jahren auch zu einer weiteren Verschlechterung der Lehre führen – die Zahl der HochschullehrerInnen reduziert sich von 16 oder 18 (Massing war sich selbst nicht ganz sicher) auf jene zwölfeinhalb Stellen, die im neuen Strukturplan (s. hier) vorgesehen sind. Das Institut wird sich aber in jedem Fall „bemühen“ (wieder Massing), die Lehrausfälle zumindest teilweise durch die Vergabe von zusätzlichen Lehraufträgen auszugleichen.
Weiterhin baut das OSI bis nächstes Jahr ein sog. „Self-Assessment“ auf seiner Homepage auf. Vorbild ist dabei die Uni Mannheim, die derartiges bereits für Interessierte anbietet. Wer sich das ganze mal ansehen will, kann dies hier tun. Damit sollen potenzielle StudienanfängerInnen vorab überprüfen können, ob das Studium am OSI ihren Vorstellungen von Politikwissenschaft entspricht. Auf die Frage von Studierenden, wer denn das System so programmiert, dass es die zum Institut „passenden“ Antworten erkennt und wer definiert, was „passend“ ist, reagierte Massing mit Unverständnis: schließlich sei es erstens „Konsens, was Politikwissenschaft ist“ (interessant, v.a. wenn mensch sich der Diskussion einen Tag zuvor entsinnt, die FUWatch hier nochmal zusammenfasst), und zweitens setze die aktuelle Studienordnung die Standards, da gebe es ohnehin keine Spielräume für verschiedene Sichtweisen. Dennoch werde sich wohl nächstes Semester, vielleicht auch erst nächstes Jahr eine Arbeitsgruppe unter der Leitung der Studiendekanin Fr. von Oppeln gründen, in der dann auch Studierende vertreten sein werden. Auf die Frage, ob dieses Self-Assessment denn meßbare Ergebnisse hervorbringt und was das Ganze koste, musste Massing erstens zugeben, dass es keine empirisch stichfesten Belege für den Nutzen eines solchen Vorab-Checks gebe, dass aber die Implementierung auch nicht weiter teuer – aber zeitaufwendig – sei.
Gute Nachrichten gab es diesmal auch, für einen Weiterbildungsstudiengang erhält das OSI für fünf Jahre eine W2-Professorin für „Gender & Diversity Studies“, die auch Veranstaltungen im normalen Studienbetrieb am OSI anbieten wird. Zumindest im Bereich Gender darf damit wieder auf ein etwas breiteres Lehrangebot gehofft werden.

Das Wichtigste zuletzt: Das OSI-Diplom

Später am selben Tag senkte sich im Akademischen Senat der Vorhang für das OSI-Diplom, vorher wurde den Studierenden im Institutsrat die ganze Aktion und die weiteren Zukunftsaussichten für das Diplom erläutert: die Begründung für die vorübergehende Einstellung des OSI-Diploms bleibt merkwürdig (s. hier), Massing erläuterte aber auch dass das OSI bzw. der Fachbereich wohl massiv Druck von „ganz oben“ bekommen haben. Sowohl der Wissenschaftssenator des Landes Berlin als auch der Wissenschaftsratvorsitzende, ein Herr Becker, haben demnach mehrfach auf die (völlige) Abschaffung des Diploms gedrängt. Wieso sie in einem Jahr ihre Meinung geändert haben sollten und dann wieder mit Freuden auf die Neuzulassung von Diplomstudierenden am OSI blicken werden, konnte Massing allerdings auch nicht erklären. Andererseits ist Hajo Funke wohl gerade sehr aktiv für den Erhalt des Diploms und hat mittlerweile „auf allen Ebenen“ (Massing) eine Zusage erhalten, dass das Diplom weitergeführt wird – Lenzen himself eingeschlossen. Massing machte jedoch auch klar, dass über das Diplom vorerst nicht weiter diskutiert wird und dass er sich nicht sicher sei, ob das Diplom die Rettung überhaupt wert ist. Auf die Aufforderung einer Studierendenvertreterin, doch wenigstens als Institutsrat eine Protestresolution zu beschließen, wurde darauf verwiesen, dass das Gremium nicht beschlussfähig sei. Sven Chojnacki, offenbar um Deeskalation bemüht, warf an dieser Stelle ein, dass die vorübergehende Aussetzung des Diploms zumindest die Chance biete, diesen Studiengang zu erhalten. Ob – wie derzeit üblich und auch immer wieder genutzt – weiterhin, also auch für die im kommenden Semester neu immatrikulierten Studierenden, der Wechsel vom BA zum Diplom möglich sein wird, blieb offen. Massing wollte hier weder eine Zusage geben noch eine Absage erteilen.

Offener Brief für den Erhalt der Ideengeschichts-Vollprofessur am OSI

Das FUWatch-Blog berichtet über einen Offenen Brief an Dieter Lenzen, Barbara Riedmüller und Peter Massing, in dem zum Erhalt der Ideengeschichts-Professur am OSI aufgerufen wird. Wir veröffentlichen ihn hier vollständig mit der Absicht, die Debatte auch nach dem Beschluss des FBR nicht einschlafen zu lassen und um weiter Druck auf die Verantwortlichen zu erzeugen.
Ach ja, sorry wegen der Formatierung…

Sektion für Politische Theorie und Ideengeschichte
Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft
Universität Greifswald
Institut für Politikwissenschaft
Baderstrasse 6/7
17489 Greifswald

An den Präsidenten der Freien Universität Berlin
Herrn Prof. Dr. Dieter Lenzen
Kaiserswerther Str. 16-18
14195 Berlin

An die Dekanin des Fachbereichs Politik- und Sozialwissenschaften
Frau Prof. Dr. Barbara Riedmüller
Ihnestraße 21
14195 Berlin
Mit der Bitte um Weiterleitung an die Mitglieder des Fachbereichsrats

An den geschäftsführenden Direktor
des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft
Herrn Prof. Dr. Peter Massing
Freie Universität Berlin
Ihnestraße 21
14195 Berlin
Mit der Bitte um Weiterleitung an die Mitglieder des Institutsrats

12.6.08

Offener Brief

Sehr geehrte Frau Kollegin Riedmüller, sehr geehrte Kollegen Lenzen und Massing,
die Sektion für Politische Theorie und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für
Politische Wissenschaft verfolgt mit Sorge die Entwicklung des Strukturplans am Otto-Suhr-
Institut, einem der wesentlichen Lehr- und Forschungszentren der Politikwissenschaft in
Deutschland. Die seit langem vakante Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte
(Lehstuhlinhaber in der Vergangenheit u.a. von der Gablentz, C.P. Ludz, Alexander Schwan,
Axel Honneth) soll zu einer Juniorprofessur heruntergestuft werden, um andere Bereiche der
Politikwissenschaft zu stärken.

Diese Entwicklung steht nicht nur im Gegensatz zum traditionellen, grundlagenorientierten
Verständnis der Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut. Sie gefährdet die Vollständigkeit
und Qualität der politikwissenschaftlichen Ausbildung und die Qualität der
Grundlagenforschung an der FU. Sie trägt zudem zu einer Marginalisierung der Politischen
Theorie und Ideengeschichte bei, die die Politikwissenschaft insgesamt schwächt.
Mit der Abwertung der Stelle zur Juniorprofessur wird die ideengeschichtliche
Grundlagenforschung, von der die Teilgebiete in ihrer Produktivität zehren, von einer
zentralen und identitätsprägenden zu einer Randdisziplin der Politikwissenschaft
heruntergestuft. Solche Richtungsentscheidungen betreffen das Selbstverständnis der
Politikwissenschaft bundesweit und betreffen daher alle Fachkolleginnen und –kollegen.
Die bahnbrechenden Neuorientierungen, die in der Politikwissenschaft in den vergangenen
Jahren angesichts neuer, unter anderem transnationaler Herausforderungen vorgenommen
wurden, waren nur möglich auf der Basis einer erneuten Hinwendung zu klassischen
Grundlagentexten, ihrer ideenhistorischen Aufarbeitung und auf der Basis eines erneuerten
Bezugs der Teildisziplinen auf die politische Theorie. Ein stark im Bereich der Governanceund
der Globalisierungs-Forschung engagiertes Institut läuft Gefahr, sich mit dem Verzicht
auf selbständige ideengeschichtliche Forschung auch in Bezug auf kosmopolitische und
interkulturell vergleichende Ansätze eines kritischen Potentials zu berauben. In den führenden
britischen und U.S.-amerikanischen Departments für Politikwissenschaft ist die
Notwendigkeit einer starken Repräsentation der Politischen Theorie und Ideengeschichte
längst anerkannt; sie sollte hierzulande eine Selbstverständlichkeit sein.

Daneben ist zu bedenken, dass eine hochwertige Ausbildung in der Ideengeschichte, einem
von zwei theoretischen BA-Pflichtmodulen im Studiengang Politikwissenschaft, durch eine
Juniorprofessur mit 4 Wochenstunden Deputat (ein Drittel des Deputats einer minimal
ausgestatteten W3) wohl nicht sicherzustellen ist. Auch sind die Disponibilität und die Gefahr
von Umwidmungen beim Auslaufen von Juniorprofessuren nicht zu unterschätzen; die
Risiken sind dort aller Erfahrung nach höher als bei sogenannten Eckprofessuren. Die
Theoriesektion fordert daher die FU, den Fachbereich und das Otto-Suhr-Institut auf, die W3-
Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte in vollem Umfang zu erhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Der Vorstand der Sektion für Politische Theorie und Ideengeschichte

gez. Prof. Dr. Harald Bluhm
Dr. habil. André Brodocz
Prof. Dr. Hubertus Buchstein
Prof. Dr. Peter Niesen
PD Dr. Tine Stein

Änderung des Strukturplans beschlossen: Ideengeschichte demnächst nur noch als Juniorprofessur

Der Fachbereichsrat PolSoz hat heute morgen einen neuen Strukturplan beschlossen. Im Gegensatz zum bisherigen Strukturplan sieht dieser statt einer vollen Ideengeschichtsprofessur nur noch eine Juniorprofessur im Bereich Ideengeschichte vor. Gleichzeitig wird Sven Chojnackis Juniorprofessur in eine reguläre Professur umgewandelt, Christoph Zürchers befristete Professur wird zu einer unbefristeten. Der Beschluss bedeutet eine weitere Stärkung des IB-Bereichs auf Kosten der Theorie.

Rund 25 Studierende waren am Mittwochmorgen in den Hörsaal A gekommen, um sich an der Diskussion über die zukünftige Struktur des OSI zu beteiligen. Schon diese Möglichkeit ist keine Selbstverständlichkeit: Als das Thema vor rund drei Wochen zum ersten Mal im Institutsrat behandelt wurde, geschah dies unter Ausschluss der Öffentlichkeit, der einzige anwesende Student wurde aus dem Raum geschickt. Die Diskussion im Fachbereichsrat eine Woche darauf hatte man ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt.

Auch wenn heute morgen keine Studierenden aus dem Saal geschmissen wurden, mussten sie sich die Möglichkeit einer offenen Diskussion erst erstreiten. So wollte Dekanin Riedmüller zunächst den Studierenden das Wort verbieten. Zudem drängte die Sitzungsleitung immer wieder darauf, den Tagesordnungspunkt möglichst schnell abzuschließen.

Dabei war der Diskussionsbedarf groß: Die Argumentation des Dekanats, mit der Strukturänderung entstehe unterm Strich eine neue Professur am OSI, wurde von den Studierenden immer wieder heftig kritisiert. Es sei falsch, wenn die Stärkung der Friedens- und Konfliktforschung auf Kosten der politischen Ideengeschichte geschehe. Im Vergleich zu regulären Professuren sehen Juniorprofessuren ein verringertes Lehrdeputat vor. Zudem ist an Juniorprofessuren kein eigenes Lehrpersonal gebunden. Hajo Funke sprach dementsprechend von einer „erheblichen Verringerung des Theorieanteils“. Schon seit Jahren sei es aber Ziel des Instituts, den Anteil der IB und der international ausgerichteten Forschung auszubauen.

Studierende, die diese Schwerpunktverlagerung kritisierten und auf die hohe Nachfrage nach Lehrveranstaltungen im Bereich Ideengeschichte hinwiesen, begegneten die ProfessorInnen mit zweifelhaften Argumenten. So wies Marianne Braig darauf hin, dass Theorien ja sowieso in allen Bereichen der Politikwissenschaft verwendet würden, was Hajo Funke bekräftigte, indem er Braig unterstellte, „auch Habermas gelesen“ zu haben. Barbara Riedmüller behauptete schlicht, es gebe keine geeigneten BewerberInnen für eine Ideengeschichtsprofessur. Kompromissbereit zeigte sich lediglich Verwaltungsleiter Detlef Brose, der sagte, eine reguläre Ideengeschichtsprofessur zusätzlich zu der beschlossenen Strukturänderung sei „bezahlbar“.

Allen Bedenken der Studierenden zum Trotz wurde der neue Strukturplan beschlossen, nachdem die Sitzungsleitung die Diskussion trotz weiterer Wortmeldungen abgebrochen hatte. Auch der Antrag der Studierenden, das Thema noch einmal ausführlich im Institutsrat zu behandeln, wurde abgelehnt. Es bestehe Zeitdruck, weil Chojnacki und Zürcher sonst nicht am OSI gehalten werden könnten.

Stattgegeben wurde lediglich einem Antrag der Studierenden, eine Kommission zu gründen, die die Zukunft des OSI-Strukturplans erarbeiten soll. Um die Besetzung und die Arbeitsweise dieser Kommission sowie das weitere Vorgehen zu besprechen, treffen sich alle interessierten Studierenden morgen (Donnerstag) um 12 Uhr vor dem Roten Café.

(Fabian)

Strukturveränderungen am Fachbereich verhindern!

Wir dokumentieren hier einen Flyer gegen die Strukturveränderungen am OSI, die (wieder einmal) zu Lasten des Theorie-Bereichs gehen sollen:

SCHLUSS MIT DER MAUSCHELEI UM

PROFESSUREN AM OSI!

Kommt zur Sitzung des Fachbereichsrats am Mittwoch, 4.Juni um 9 s.t. in 21/HS A

Verhindert das Abnicken des Strukturplans!

→ Am Otto-Suhr-Institut soll ein neuer Strukturplan an den Studierenden vorbei verabschiedet werden. Folge unter anderem: Die Vollprofessur für Politische Ideengeschichte wird abgesägt.

Der neue Strukturplan spielt zwei Studienbereiche gegeneinander aus: Sven Chojnacki und Christoph Zürcher sollen durch W2-Professuren mit den Bezeichnungen „Vergleichende Politikwissenschaft und empirische Friedensforschung“ bzw. „Vergleichende Politikwissenschaft und Sicherheitspolitik“ am OSI gehalten werden. Weil nur noch 13 Professuren für das Institut vorgesehen sind, muss an anderer Stelle gespart werden – unter anderem wird die seit Jahren fest eingeplante Vollprofessur „Politische Ideengeschichte“ zu einer Juniorprofessur degradiert. Wenn diese nach maximal sechs Jahren ausläuft, droht das endgültige Aus für den Bereich Ideengeschichte.

Es wird jedoch mit der Ideengeschichte nicht nur ein zentraler Studienbereich zu Gunsten einer weiteren Stärkung des Bereichs „Internationale Beziehungen“ vernachlässigt:

Das Vorgehen des Instituts- und Fachbereichsrats im Fall des Strukturplans ist rechtswidrig!

Das übliche Verfahren ist, dass erst ein Strukturplan festgelegt wird und die offenen Stellen dann über ein öffentliches und für alle nachvollziehbares Berufungsverfahren besetzt werden. Beide Gremien haben die Veränderung des Strukturplans zur „Personalangelegenheit“ deklariert und damit die Öffentlichkeit aus der Diskussion ausgeschlossen.

Außerdem sollen die beiden neuen Professuren nicht regulär ausgeschrieben, sondern direkt an Chojnacki und Zürcher vergeben werden. Laut Tanja Börzel werden mit beiden Bleibeverhandlungen geführt, die jedoch im Rahmen befristeter Stellen gar nicht zulässig sind. Dieses Vorgehen verstößt gegen Art. 33 Abs. 2 des Grundgesetzes, wonach öffentliche Ämter jeder und jedem zugänglich sein müssen.

Auch in anderen Bereichen gibt es Diskussionsbedarf um den Strukturplan, etwa bezüglich der fehlenden Afrika-Professur und der Koppelung der Bereiche Recht und Gender in einer Professur.

Am 14. Mai konnte die Entscheidung über den Plan im Fachbereichsrat noch durch ein studentisches Veto verhindert werden, bei der Sitzung am nächsten Mittwoch soll er jedoch bestätigt werden.

Deshalb fordern wir:

→ Eine öffentliche Diskussion um den Strukturplan am OSI, bevor der Fachbereichsrat darüber entscheidet

→ Eine Vollprofessur für den Bereich „Politische Ideengeschichte“

→ Mehr kritische Forschung und Lehre am OSI – auch innerhalb der Internationalen Beziehungen

Initiative für die volle Professur der Ideengeschichte am OSI

OSI-Diplom vor dem Aus? Fragwürdige „Rettungsaktion“ durch den Fachbereichsrat

Die Zukunft des Diplomstudiengangs Politikwissenschaft ist weiterhin ungewiss. Nachdem bereits am Dienstag in der Kommission für Lehre bekannt geworden war, dass im kommenden Semester keine Studierenden für den Diplomstudiengang am OSI zugelassen werden sollen, lehnte heute der Fachbereichsrat PolSoz einen Gegenantrag von Studierenden ab. Diese hatten den Fachbereich aufgefordert, sich im Akademischen Senat, wo die Entscheidung über die Zulassungszahlen gefällt wird, für die Zulassung neuer Studierender auch im kommenden Semester einzusetzen.

Das Skurrile: Sowohl die Dekanin Barbara Riedmüller als auch der Geschäftsführende Direktor der OSI, Peter Massing, sprachen sich für den Erhalt des Diplomstudiengangs aus. Sie wollen ihren Beschluss, die Zulassungszahl für das kommende Semester auf Null zu senken, als Rettungsaktion für das Diplom verstanden sehen. Mehrfach verwies Riedmüller dabei auf politischen Druck seitens des Präsidium und der Landesregierung, den Diplomstudiengang abzuschaffen. Nur wenn man die Zulassung ein Semester lang aussetze und die Zeit nutze, um „neue empirische Daten“ über die Akzeptanz der Master-Studiengänge zu sammeln, könne man sich diesem Druck entgegenstellen und den Diplom-Studiengang im WiSe 09/10 wie gewohnt fortsetzen, so die Dekanin.

Unklar blieben allerdings die Vorteile dieses Plans, denn empirische Daten über die Akzeptanz der einzelnen Studiengänge gibt es zuhauf. So sollte aus den Bewerbungszahlen für den Diplom-Studiengang und aus der Zahl derer, die in den ersten vier Semestern ihres Studiums vom Bachelor- in den Diplomstudiengang wechseln, deutlich hervorgehen, dass die Nachfrage nach dem Diplom immer noch groß ist. Und selbst wenn die Erhebung weiterer Daten sinnvoll ist: Dies könnte ebenso gut geschehen, ohne die Zulassung auszusetzen.

Nahe liegt daher die Annahme, dass es mit dem Rettungseifer von Dekanat und Institutsleitung so weit nicht her ist. Die Aussetzung der Zulassungen für ein Jahr erscheint als geeignetes Mittel, Fakten für kommende Diskussionen über die Zukunft des Diploms am OSI zu schaffen.

Neben der Aussetzung der Zulassungen für den Diplomstudiengang verhandelte der Fachbereichsrat auch die Zukunft der im bisherigen Strukturplan vorgesehenen Ideengeschichtsprofessur. Diese soll nach Willen der Institutsleitung und nach Beschluss des Institutsrates zugunsten eines auf Sven Chojnacki maßgeschneiderten Lehrstuhls wegfallen und durch eine Juniorprofessur ersetzt werden. Die StudierendenvertreterInnen verhinderten diesen Beschluss mit einem Veto, das Thema wurde auf die nächste Sitzung des Fachbereichsrats vertagt. Mehr dazu bald an dieser Stelle.

Männertag und Hegemonie

(th) Am 1. Mai ist Männertag, er fällt traditionell mit Christi-Himmelfahrt zusammen, in diesem Jahr gesellt sich der Kampftag der Arbeiterklasse dazu. Wir sind gespannt, was uns erwartet. Finden die männlichen Werktätigen zu sich, entwickeln sie ein Klassenbewusstsein oder dürfen wir doch nur sexistische Übergriffe erwarten?
Fakt ist, dass der Männertag ein ungeheures Maß an Popularität genießt, dies erklärt der Bonner Kulturanthropologe Gunther Hirschfelder folgendermaßen: „Der Aufstieg des Vatertags fällt zusammen mit der Entstehung der Kneipenkultur, einem romantischen Naturbild und größerer Kaufkraft durch die Industrialisierung.“ Der Männertag als eine Antwort der Moderne auf die Industrialisierung, verbunden mit Naturkult und einer gastronomischen Revolution.
Klingt einleuchtend, hielt uns aber nicht davon ab, ihn aus einem gender-Blickwinkel zu analysieren, was liegt näher, wenn das Geschlecht schon im Namen steckt:
Der Männertag – bereits die Begrifflichkeit wird problematisch. Bezeichnungen gibt es viele – Männertag, Herrentag, Vatertag. Wem ist dieser Glückstag gewidmet, den Herren, den ordinären Männern, oder nur denjenigen, die schon etwas in ihrem Leben geleistet und ein Kind gezeugt haben? Ist der Männertag das maskuline Pendant zum Mutter- oder Frauentag? Geht es lediglich um Zeugungsakte oder um Emanzipation? Wir werden sehen, schauen wir uns die mythischen Riten an, die diesen Tag umgeben. Als erstes fällt auf, dass der Männertag regional sehr verschieden begangen wird. Im Westen handelt es sich vorwiegend um den Vatertag, spießige Familienausflüge stehen auf dem Programm. Im Osten hingegen, ist er durch und durch Herrentag. Ich kann leider nur von meinen eigenen Beobachtungen berichten, die ich jedes Jahr mache. Kolonnen von Männern, hauptsächlich im Alter zwischen 15 und 50 streifen durch die märkische Wildnis, schwer beladen mit allerlei alkoholischen Getränken, die sie in einem Boller- oder Einkaufswagen hinter sich herziehen, hört man sie schon von weitem. Mit Saufgesängen, Rumgegröle und Tröten kündigen sie sich an. Erst später erfuhr ich, dass es sich bei diesen archaischen Ritualen um „heidnische Flurbegehungen“ handelt, die tief in die dunkle Vergangenheit reichen. Es ginge darum jüngere Stammesgenossen in die Männerwelt zu entlassen. Heute stehen Zeremonien wie Rauchen, Trinken und, jetzt weniger verbeitet, das Besuchen von Bordellen im Vordergrund. In Gera ist es Brauch den Frauen, die mann trifft, Bier ins Gesicht zu spucken. Die Männer dürfen einmal richtet die Sau rauslassen.
Stammesgenossen werden jetzt in die raue Maennerwelt entlassen
Klar, warum auch nicht, möchten einige Menschen meinen. An einem Tag im Jahr darf sich der Mann ja schließlich mal gehen lassen. Es gibt aber bereits 363 Männertage im Jahr, an denen der Mann sich frei entfalten kann, die fette Kohle verdient, während die Frau das Erziehungsjahr ableistet, osteuropäische Zwangsprostituierte vergewaltigt, die eigene Frau „züchtigt“ oder einfach nur Normen aufstellt, die festlegen, was männlich ist.
Der Männertag zeigt par excellence, was Mann sein ist und wer sich des ehrenhaften Titels rühmen darf. Die hegemoniale Männlichkeit wird demaskiert. Die hegemoniale Männlichkeit ist die vorherrschende Männlichkeit, die Art von Männlichkeit, die zur verbindlichen Norm erklärt wird. Wer bestimmten Kriterien nicht entspricht, wird wahlweise als Schwächling, Brillenschlange, Schlappschwanz, Feigling, Streber oder Schwuchtel bezeichnet. Heterosexuelle, weiße, mächtige und erfolgreiche Männer verkörpern hingegen das Ideal. Diese Spezies verkauft sich an diesem Tag sehr gut. Sie aber schließt alternative Männlichkeitskonzepte systematisch aus, sie werden marginalisiert. Einen schwarzen Mann können wir uns sehr gut als Boxer vorstellen, doch die wenigsten als Manager bei BASF. Stellen wir uns vor, ein junger Mann outet sich am Männertag in einer Gruppe sturzbesoffener grölender Männer. Würden sie dann immer noch mit nacktem Oberkörper durch die Gegend laufen? Doch seien wir ehrlich, wieviel Männer erfüllen das Kriterium ‚mächtig‘ und ‚erfolgreich‘. In einer Gegend, in der die Arbeitslosigkeit grassiert, kommt die hegemoniale Männlichkeit ins Wanken. Kann ein Familienvater seiner Rolle als Ernährer nicht mehr gerecht werden, tritt dieser Widerspruch offen auf. Der Macht-Mann steht der subjektiven Machtlosigkeit fassungslos gegenüber, was in eine Form fragiler Männlichkeit mündet. Der Mann muss sich seiner Männlichkeit versichern. Vehikel dieser Demonstration der eigenen Männlichkeit kann übermäßiger Alkoholkonsum oder zunehmende Gewalt gegenüber Männern und Frauen sein. Gewalt ist also nicht nur Ausdruck der patriarchalen Herrschaft, sondern beweist zugleich ihre Krisentendenz.
Zurück zum Männertag: Die Polizei vermerkt, dass am Männertag die Zahl von Schlägereien signifikant steigt, die Häufigkeit alkoholbedingter Autounfälle verdreifacht sich. q.e.d. – hier finden wir eine Konsequenz der hegemonialen Männlichkeit Was kann man nun diesem Männertag entgegensetzen? Der Männertag sollte ähnlich dem Frauentag ein Tag der Emanzipation sein. Kein bourgeoiser Familienausflug, kein proletarisches Saufgelage, sondern der Versuch sich aus sozialen Korsetten zu befreien, sich Zwängen, die Männlichkeit festlegen, zu widersetzen. Klar, die meisten Männer sind absolut schwer in Ordnung, gestehen der Frau Erwerbsarbeit zu, sie helfen im Haushalt und haben ihre Gattin noch nie geschlagen, doch sie sind stille Profiteure des Patriarchats. Während Vergewaltiger, Filmschauspieler, Generäle und andere die patriarchale Front halten, gegen Feminismus wettern, das Feindbild der lila Latzhosentragenden Emanze mit Kastrationsängsten verbinden, genießen die ganz „normalen“ Männer die Früchte. Soziolog_innen bezeichnen dieses Phänomen als „Komplizenschaft“, um einen Teil der „patriarchalen Dividende“ zu ergattern.
Wir sollten uns darüber im Klaren werden, inwiefern wir die hegemoniale Männlichkeit stützen oder davon profitieren. Es ist Zeit sich von spätpubertären Pseudo-Steinzeit-Männlichkeitsentwürfen à la Mario Barth zu verabschieden und sich zu emanzipieren.