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„Nachts wäre ich gern‘ ein Mann“

Wenn Angst Frauen durch die Nacht begleitet

Frauen haben nachts ein erhöhtes Unsicherheitsempfinden in öffentlichen Räumen. Eine Berlinerin berichtet von ihren eigenen Erfahrungen und Einschränkungen auf dem nächtlichen Heimweg. Angebote wie das Heimwegtelefon bieten einen möglichen Lösungsansatz für ein gesellschaftliches Problem, das mehr Aufmerksamkeit bedarf.

Ein Beitrag von Sophie Klein

Schnee liegt auf den Straßen Berlins. Die Nacht ist kalt, Frost sammelt sich an den Fensterscheiben. Auf dem Weg aus der U-Bahn nach Hause kramt Marie B. (*Name auf Wunsch geändert) in ihrer Tasche. Sie sucht ihren Schlüssel. Sie möchte gewappnet sein für ihren Weg durch die schlecht beleuchteten Straßen ihres Kiezes. „Damit ich es schnell zur Haustür und hineinschaffe, sollte mich jemand verfolgen“, erzählt sie.

Die Gegend ist still und menschenleer. Allgemein sei ihre Umgebung belebt und auch zu späteren Uhrzeiten noch Menschen auf der Hauptstraße unterwegs. Gruselig würde es in den Nebenstraßen. „Außer der Hauptstraße ist eigentlich nichts beleuchtet“, erwähnt sie und deutet auf die Straßenlaternen.

Meist versucht Marie B. sich keine Gedanken bezüglich möglicher Szenarien zu machen, die ihr auf dem Heimweg passieren könnten. Immer ließe sich dieses Unsicherheitsgefühl jedoch nicht abschütteln. „Es ist entscheidend, wie viele Leute drumherum sind und welches Gefühl die mir geben.“ Als Frau fühlt sie sich überwiegend unwohl in der Gegenwart von größeren Männergruppen. 

Der Politologe Marcus Kober von der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention sieht dabei kein grundsätzliches Sicherheitsproblem in der Nacht. Hingegen gäbe es bestimmte Gruppen, die Ängste verstärken können. „Das sind ganz regelmäßig junge Männer, am besten noch alkoholisiert. Die lösen in Bevölkerungskreisen ein relatives Unsicherheitsgefühl aus“, verdeutlicht Kober. 

„Man fühlt sich einfach schwächer“, sagt Marie und zuckt die Achseln. Was jedoch immer gleich entscheidend sei für ihre Angst ist die Dunkelheit. Die fehlende Sicht, nicht zu wissen, wer um die nächste Ecke kommen könnte oder wer sich hinter einer Reihe Autos verbirgt. Auch hierzu gibt es nach Kober eine Erklärung: „In sehr hohem Maße beeinflusst Dunkelheit [unsere Wahrnehmung]. Ein stückweit ist es einfach eine anthropologische Grundkonstante, dass wir in der Nacht mehr Angst haben.“

„Zivilcourage aus dem Homeoffice nennen wir das auch manchmal.“

Zur gleichen Zeit macht Melina sich bereit für ihre abendliche Schicht. Vor ihrer Arbeit nimmt sie sich viel Ruhe, um sich auf die kommenden Konversationen vorzubereiten. Dann setzt sie sich eingewickelt in eine flauschige Decke an den Schreibtisch.

An Melinas Arbeitsplatz sind Mikro und Karte bereit für ihre abendliche Schicht beim Heimwegtelefon. Foto: Heimwegtelefon.

Melina arbeitet ehrenamtlich für das Heimwegtelefon, ein in Berlin gegründeter gemeinnütziger Verein. Das Heimwegtelefon bietet verunsicherten Personen die Möglichkeit auf ihrem nächtlichen Nachhauseweg ihre Angst einzudämmen. „Wir sagen immer, wenn die beste Freundin, der beste Freund gerade nicht erreichbar sind, dann wollen wir da einspringen und für den Abend am Telefon die beste Freundin sein“, umschreibt sie ihre Arbeit. 

Melina ist eine von 100 Telefonist:innen, die deutschlandweit, aus Österreich und weiteren Ländern für den Heimweg zur Verfügung stehen. Unter der Woche ist das Angebot zwischen 21 und 24 Uhr zu erreichen, an Freitagen und Samstagen sogar bis drei Uhr. Das Anrufaufkommen variiert je nach Jahreszeit und Wochentag.

Trotz erhöhter Dunkelheit gibt es im Winter weniger Anrufe als im Sommer, erklärt Melina. Dies läge an lauen Sommernächten, in welchen mehr Menschen zu später Stunde unterwegs seien. Im Durchschnitt erhalte das Heimwegtelefon etwa 100 Anrufe pro Woche. 2025 riefen circa 5000 Personen an, was einer Gesprächszeit von 63.122 Minuten entspricht, oder etwa 44 Tagen. „Zivilcourage aus dem Homeoffice nennen wir das auch manchmal“, antwortet Melina lächelnd. 

Auf der Website des Heimwegtelefons, wird hervorgehoben, dass sie insbesondere Frauen kein Angstgefühl aufzwingen wollen: „Wir wollen keine unnötige Angst schüren oder Dinge dramatisieren.“ Stattdessen streben sie danach, ein individuelles Sicherheitsgefühl für jeden zu schaffen. 

„Die Ängste unserer Anrufenden sind so unterschiedlich und individuell wie die Menschen selbst“, reflektiert Melina. „Wiederkehrende Themen sind auf jeden Fall Dunkelheit und alkoholisierte Menschengruppen.“

Marcus Kober sieht den Vorteil eines Service wie des Heimwegtelefons besonders in der Anwesenheit von potenziell hilfsbereiten Außenstehenden. Täter liefen Gefahr beobachtet und möglicherweise gefasst zu werden. Kober beschreibt dies als informelle Sozialkontrolle, die erhöht werden könne. „Das ist ein ähnlicher Mechanismus, wenn man jemanden am Ohr hat und das Gefühl hat, ich bin hier nicht allein, sondern wenn mir etwas bedrohlich erscheint, kann ich jemanden verständigen“, bestätigt Kober.

Er betont jedoch die Notwendigkeit von weiterer Forschung und Diskurs. Auch mögliche negative Auswirkungen seien denkbar: „Was ich kritisch sehen könnte [ist], dass man sich dadurch in einem falschen Gefühl der Sicherheit währen könnte, weil die objektiv [nicht] gegeben ist.“

Macht das Geschlecht einen Unterschied? 

Nach einer Erhebung des Bundeskriminalamts zur Sicherheit und Kriminalität in Deutschland 2020 ist das grundsätzliche Sicherheitsempfinden in Deutschland hoch. Tatsächlich ist die Erwartung, Opfer einer Straftat im öffentlichen Raum und nachts zu werden, jedoch verbreitet, insbesondere bei Frauen. Das zeigen sowohl die Ergebnisse Marcus Kobers eigener Forschung, als auch die des BKA. Die meisten der 2024 erfassten Straftaten im öffentlichen Raum geschehen jedoch zwischen Männern und im engeren Umfeld.

Abweichungen zeigen sich in bestimmten Alltagssituationen, wie beispielsweise im öffentlichen Personennahverkehr. Über die Hälfte an Frauen verzichtet darauf letzteren in Deutschland bei Nacht zu nutzen. Die Nutzer:innen des Heimwegtelefons sind ebenfalls zu 87 % Frauen. 

Bei Frauenfeindlichkeit als Tatmotiv sei in Deutschland ein Anstieg von 73,3 Prozent festgestellt worden. Auch die Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 für Berlin stellt tageszeitunabhängig einen Anstieg der Zahl der Gewaltdelikte und sexueller Übergriffe an Frauen in Berliner öffentlichen Räumen fest. Frauen sind dreimal so häufig betroffen wie Männer von Sexualdelikten. Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, wie Übergriffe oder Belästigung, waren zu 79 Prozent Frauen. Dabei verzeichnete das BKA 2024 einen Anstieg jeglicher Form von Sexualdelikten. Die Studie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland, SKiD, verdeutlicht, dass Sexualdelikte besonders selten zur Anzeige gebracht werden. Die Dunkelziffer, das heißt die Zahl an den Behörden unbekannten begangenen Delikten, ist hoch.

Melina ist es wichtig zu erwähnen, dass das Heimwegtelefon für alle zur Verfügung steht. Sie selbst mache es traurig Unsicherheiten zu hören, ob Männer diesen Service auch nutzen könnten, zusätzlich zu dem situativen Unwohlsein auf dem Heimweg. Daher betont sie: „Wir sind für Menschen da.“

Auch für Marie B. gibt es innerhalb Berlins bestimmte Orte, die sie zu später Stunde meidet, wie der Alexanderplatz.  

Am Alexanderplatz tummeln sich die Leute trotz der winterlichen Temperaturen. Hier werden abendliche Einkäufe erledigt, umgeben von boomendem Tourismus. Eine Klassenfahrt ringt sich um die Weltzeituhr. Auf der anderen Seite des Platzes, getrennt durch die Tramlinie, sitzt eine kleine Polizeistation. Eine ständige Präsenz. Über all dem thront der Berliner Fernsehturm, die Lichter reflektieren auf seiner silbrigen Oberfläche. Unter den Füßen der Massen erstrecken sich die U-Bahn-Tunnel, die Marie B., so gut es geht, zu vermeiden versucht. Sowohl tagsüber als auch nachts hat sie hier Erfahrungen mit sexueller Belästigung, Catcalling und Beleidigung gemacht.

Catcalling ist eine Form von Übergriffigkeit, primär gegenüber Frauen, die z.B. aus Ausrufen oder Pfiffen bestehen, um so Aufmerksamkeit zu erlangen.

Der Alexanderplatz ist auch zu nächtlicher Stunde und kalter Jahreszeit belebt. Foto: Sophie Klein

Marie B. glaubt, dass das Sicherheitsempfinden eindeutig vom Geschlecht beeinflusst ist, sowohl bei sich selbst, als auch von außen. „Wenn man mit männlichen Freunden unterwegs ist, die machen sich gar nicht die Gedanken darüber“, erinnert sich Marie B. Oft würden die Sorgen von ihren Freunden nicht ernst genommen.

Dabei seien Frauen grundsätzlich nicht häufiger betroffen. Ein Faktor seien eher alltägliche Erfahrungen, die speziell bei Frauen das Sicherheitsgefühl mindern. Kober erläutert, diese würden selbst nicht per se als Straftat klassifiziert, wie beispielsweise Catcalling oder geschlechtsspezifische Beleidigungen.

Über diese Verhaltensweisen müsse verstärkt ein gesellschaftlicher Diskurs entstehen. „Mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen und eben diese Wahrnehmung anderer Menschen mit einzupreisen oder zu berücksichtigen. Da Empathie und Verständnis an den Tag zu legen und sich im eigenen Verhalten danach auszurichten“, das wünscht sich Kober.

Marie B. erzählt von ihren eigenen Vermeidungsstrategien. Ist sie spät Abends noch unterwegs, analysiert sie genau ihre Umgebung. Ein ausreichend geladener Handy-Akku oder ein prüfender Blick in den U-Bahn-Wagon sind dabei eine erste Sicherheitsinstanz.

In ihrer alten Wohngegend in Moabit hatte sie abends durch einen beinahe unbeleuchteten Park gemusst. Kaum eine der Laternen brennt. Einzig der Schnee auf den Blättern, Ästen der kahlen Bäume und einigen Parkbänken reflektiert das Licht. Eingezäunt von der Natur glaubte Marie B. Bewegungen aus dem Augenwinkel zu erkennen, wenn sie alleine durch den Park ging. Stattdessen umrundete sie ihn lieber, was ihren Heimweg deutlich verlängerte. „Wenn es auch nicht als große Einschränkung erscheinen mag, ist es doch eine Einschränkung“, sagt Marie. 

Den Schlüssel schon in der Hand witzelt sie: „Nachts wäre ich gern‘ ein Mann.“

Eigene Schutzmaßnahmen ergreifen

Die Grenzen von Angeboten wie des Heimwegtelefons liegen in ihren Reaktionsmöglichkeiten in akuten Gefahrensituationen. Denn ein direktes Eingreifen ist für die Telefonist:innen nicht möglich. „Wir wollen nicht wie irgendwelche Hilfssheriffs auftreten. Wir sind für den Teil zuständig, wo es ’nur ein Gefühl‘ ist, aber keine konkrete Gefahrenlage vorliegt“, erläutert die Telefonistin. Befänden sich Anrufer:innen in konkreten Notlagen, gäbe es für die Telefonist:innen die Möglichkeit zur direkten Weiterleitung an Rettungs- und Notdienste. 

Dunkle Straßen und Parks erhöhen für Frauen wie Marie B. das Unsicherheitsgefühl. Foto: Sophie Klein

Melina betont die Skepsis des Heimwegtelefons gegenüber eigenständigen Verteidigungsmaßnahmen wie Pfefferspray oder anderen Waffen. Diese könnten schnell abgenommen und gegen einen selbst verwendet werden.

Die Schlüssel zwischen den Fingern, bereit im Notfall auszuholen, ist das ein für Marie B. denkbares Szenario? Sie sagt nein, sie wisse um das mögliche Verletzungsrisiko. Auch weitere Verteidigungswerkzeuge trägt sie nicht bei sich. 

Dem Thema fehlt es an Sichtbarkeit

Trotz kommunaler und regionaler Zusammenarbeit brauche es laut Melina mehr Sichtbarkeit. „Das Thema Sicherheit bzw. Sicherheitsempfinden ist eine so große Thematik, die oft nicht besprochen oder nur sehr einseitig beleuchtet wird“, appelliert sie. Mit Berlin, der Heimatstadt des Vereins, gibt es keine Kooperation.

„Das Heimwegtelefon möchte in dieser ganzen Problematik nur ein Puzzleteil der Lösung sein. Aber es gibt noch so viele Aspekte, aus denen man das betrachten kann“, beschreibt Melina die Rolle des Vereins. Weitere kriminalpräventorische Maßnahmen müssten beispielsweise verstärkt aus der Stadtplanung kommen. Die Beleuchtung der Dunkelheit wird hier erneut zum Thema. Dabei sei die gesteigerte Unsicherheit kein neues Phänomen. Melina erzählt von Menschen aller Altersgruppen, die ihr Leben lang von ähnlichen Situationen berichte.

Marie B. kritisiert die allgemeine Herangehensweise bezüglich Opfern in öffentlichen Räumen. Oft müssten Opfer selbst aktiv werden oder auf Zivilcourage vertrauen. Dabei habe sie wenig Vertrauen, dass ihr tatsächlich geholfen wird. Marie B. könne von verschiedenen Unsicherheitssituationen berichten, in denen sie keine Hilfe erhalten hat. 

Auch Marcus Kober hält es für notwendig, dass ein gesellschaftlicher Wandel im Diskurs mit Themen wie geschlechtsspezifischen Unsicherheiten stattfindet. „[Frauen] können sich nicht frei verhalten und das ist ein gesellschaftliches Problem, mit dem man sich auseinandersetzen sollte“, kritisiert der Politologe.

Melina findet abschließende Worte über den notwendigen Diskurs zum Thema geschlechtsspezifischer Angst in der Dunkelheit: „Es ist wichtig, im Austausch darüberzustehen und neugierig und offen gegenüber den Perspektiven anderer zu sein.“

Marie B. winkt zum Abschied, den Schlüssel noch immer in der Hand. Heute hatte sie keine Angst. Was bleibt, ist die Unsicherheit über morgen. 

Sophie Klein studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Politikwissenschaft in Berlin. In ihrer Freizeit liest sie gerne Bücher und schreibt kreativ. Ihr Interesse für Politik und Feminismus will sie in ihre zukünftige Arbeit als Journalistin integrieren.