Markus Wild

Meine Grosseltern waren Kleinbauer, Schneiderin, Störmetzger und Frisöse. Alle aus der deutschen Schweiz. Die Eltern waren Gastwirte, ungelernter Arbeiter, ungelernte Arbeiterin, Unterhaltungsmusiker. Ihr Leben war autodidaktisch, improvisiert und aufreibend. Oft wechselten wir Wohnort und Gasthof. Der Lebensrhythmus von Kindern und Eltern lief auseinander. Die Grosseltern väterlicherseits wurden wichtig. Sie wohnten an einem Ort, arbeiteten nach der Pensionierung weiter, doch mit Musse. Grossmutter malte (Bauernmalerei), Grossvater schloss sich am Sonntagmorgen ein (Bibellektüre), sie nahm mich mit in die Stadt, um Heimarbeiten abzuliefern, er in seine Geschichte des 20. Jh. Offenbar war ein Berufsleben, in dem solche Dinge Platz haben, möglich. Meine erste Antwort auf die Frage, was ich einmal werden möchte, lautete deshalb «Pensioniert!», was in der Gaststube naturgemäss Gelächter erregte. Ich war cholerisch, langweilte mich oft in Gesellschaft und Schule und zog das Alleinsein vor: Waldgänge, Wildtiere, Bücher, Notizen, Zeichnungen, mein Hund. Ich sah schlecht, meine Aussprache war fehlerhaft, ich konnte vor Aufregung nicht vorlesen, ich bewegte Zunge und Mund beim Schreiben, war oft krank oder kränklich. Wildhüter, Pfarrer und Berufsberater sahen sich mein Geschriebenes und Gezeichnetes an und meinten: «Matura!». Ich wollte Koch werden; die Schnupperlehre versalzte mir das. Ich bestand die Prüfungen für die Kunstschule und das Lehrerseminar und wählte das Berufsorientierte. Irgendwann kaufte ich, denn Schopenhauer sah aus wie die grimmige Version des Grossvaters, «Die Welt als Wille und Vorstellung». Ich merkte, dass die Gesellschaft der Schule immer mehr Erziehungsaufgaben aufbürdete, das verengte und verunstaltete diese Aussicht zusehends. An den Kindern lag’s nicht. Stattdessen interessierte mich die Gesellschaft. Mit ihr (Kritische Theorie in der Tasche) machte ich als Altenpfleger, Buchhändler- und Spitalküchengehilfe sowie als Rekrut neue Erfahrungen. Ältere Freundinnen und Freunde, die sich im Toggenburg in Literatur, Musik, Philosophie versuchten, sowie Lehrer, die Freiräume fürs Selbststudium schufen, wirken rückblickend wie Wegweiser zum Studium von Philosophie und Literatur in Basel.

In der Schweiz hatten Akademikerkinder im Jahr 2018 eine 4,9 Mal bessere Chance, an der Universität zu studieren als Kinder von Nichtakademiker:innen. Das Entscheidende ist bei mir Anfang der 1980er geschehen mit der Aussicht auf Matura. Niemand in der weitläufigen Verwandtschaft hat diesen Weg genommen. Beim Verlassen des Lehrerseminars war ich 21 Jahre alt und weil ich meinen Lebensunterhalt bestreiten (und das Latinum nachholen) musste, verlor ich wieder Zeit. Der Staat gab 2500 Franken im Jahr, die Eltern übernahmen die Krankenkasse, Auslandsemester lagen nicht drin oder traute ich mir kaum zu. Eigennamen kannte ich – typisch für einen Autodidakten – nur vom Sehen und sprach sie falsch aus. (Der deutsche Dichter hiess «Stefan Schorsch» und der Schöpfer der «Illias» klang aus meinem Mund zunächst wie «Homer Simpson».) Meine Ausdrucksweise changierte zwischen unterschiedlichen Sprachregistern oder neigte zum Hyperbolischen. (Ich organisierte einen Protest gehen die Erhöhung von Studiengebühren mit, in der Zeitung fand ich nur meine Aussage: «Wir Studierenden fühlen uns verarscht.» Der besorgte Dekan zitierte mich, weil ich in der Studentenzeitung mit der Metapher des Blutkuchens, aus der man Blutwurst macht, um mich geworfen hatte.) Die Interessen zeigten in viele Richtungen, es war aufreibend mit meinen finanziellen, zeitlichen, emotionalen und sozialen Ressourcen hauszuhalten.

«Was soll ich lesen? Meinen Sie das wirklich? Warum soll das wichtig sein?» Ich sprach Professorinnen und Professoren direkt an und fand sie alle ausnahmslos unterstützend. Als ich eine Hausarbeit in wackliger Schreibmaschine abgab, lieh man mir einen ausrangierten Institutscomputer; als mich eine Veranstaltung inhaltlich interessierte, für die ich nicht weit genug fortgeschritten war, lud man mich trotzdem ein. Ich arbeitete in Gremien und Kommissionen mit. Nach und nach entstand die Idee zu promovieren. Aber worin und bei wem? Ein neuer Professor kam, brachte analytische Philosophie und Philosophie der Neuzeit mit, und in seinem Forschungsprojekt arbeitete ich zum ersten Mal in einem Team. Was in viele Richtungen gezeigt hatte, bekam Fokus und Form. Ich entdeckte eine alte Leidenschaft wieder (Tiere!) und bereitete emsig ein Seminar vor. Keiner kam und einer wäre fast gegangen. Mein Betreuer meinte: «Da wir schon so viel vorbereitet haben, könnten wir daraus einen Sammelband machen.» Daraus ist «Der Geist der Tiere» geworden. – Das klingt nun so, als wäre ich an der Universität in einer Welt von Wertschätzung und Gleichheit angekommen. Das trifft einen wichtigen Teil meiner Erfahrung. Aber ich meine, dass ich einfach Glück hatte. Solche Dinge sollten nicht vom Glück abhängen. Später merkte ich, das andere mit einem vergleichbaren Herkommen Pech oder Unglück hatten.

Es gibt Einsichten, die ich meinem Hintergrund oder vielmehr meinen ersten Erfahrungen an der Universität verdanke, und die für meine Tätigkeit nicht unwichtig sind. Da ist das Thema der Tiere, sie waren immer da (Hof, Wirtshaus, Wildhüter, Wald, Teller, Keller), jetzt als Gegenstand der Forschung. Da ist mein starkes Engagement für die Nachwuchsförderung an der Universität und beim Schweizer Nationalfonds. Da ist die Überzeugung, dass zur Philosophie ein öffentliches Engagement gehört, und zwar auf der Seite der Schwächeren (in meinem Fall: Tiere). Da ist (wieder) meine Ungeduld, wenn Dinge rhetorisch zu umständlich werden (vor allem in der Fakultät), ich neige dann zu Pragmatismus oder Ironie. Und da ist meine (erstaunlicherweise häufig Überraschung hervorrufende) Bereitschaft, Leuten mit Rat und Tat und Zeit beizustehen, sobald sie mich ansprechen.

Nur meine Grossmutter kam 2000 zu meiner Studienabschlussfeier nach Basel und veröffentlichte in der Appenzeller-Zeitung eine Anzeige. Sie wolle «ihnen zeigen, dass wir auch wer sind». Diese Worte habe ich erst später verstanden. Grossmutter war als lediges Kind am Ende des Ersten Weltkriegs ins katholische Land geboren worden und musste aus Not während des Zweiten Weltkriegs dort weg. Hatten wir es ihnen gezeigt? Irgendwie schon. 

Markus Wild ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Basel.

Maren Behrensen

Familie

Mutter Katasterbeamtin, Vater Alkoholiker und Gelegenheitsarbeiter (verstarb kurz nach meiner Volljährigkeit). Multiple transgenerationale Traumata. Illustrierte und Volksmusik in Fernsehen und Radio statt Goethe und Klavierunterricht. Das familiäre Umfeld würde man heute wohl als „bildungsfern“ umschreiben, aber meine Eltern haben mich in meiner Neugier und in meinem Lernwillen immer unterstützt. Ich war unter den ersten Personen aus meinem erweiterten Familienkreis, die ein Universitätsstudium abgeschlossen haben und (soweit ich weiß) die erste, die einen Doktortitel erworben hat.

Bildungsweg und Beruf

Von Beginn an gute Noten in der Schule, ohne die ich kaum den direkten Weg zum Abitur und ins Studium genommen hätte. Interesse und Talent für Mathematik und Naturwissenschaften (wie meine Mutter, die ihre Schulbildung nach der 9. Klasse der Volksschule abbrechen musste). Mir wurde angeboten, die 11. Klasse zu überspringen (was ich ablehnte), und der Rektor meiner Schule meinte, ich solle Chemie oder eine andere Naturwissenschaft studieren.

Über den Unterricht im Fach „Werte und Normen“, das ich in Niedersachsen ab der 11. Klasse statt des evangelischen Religionsunterrichts wählen konnte, und das an meiner Gesamtschule behelfsweise von einem sehr klugen und freundlichen Geschichts- und Lateinlehrer unterrichtet wurde, verfestigte sich mein Interesse an Philosophie.

Erste Studienwahl Deutsche Sprache und Literatur, unter der völlig irregeleiteten Annahme, dass diese meinen schriftstellerischen Ambitionen dienlich wäre. Nach zwei Jahren (viel zu spät) abgebrochen, dann Magisterstudium der Philosophie. Meine Mutter hat mich während des Studiums in Deutschland finanziell unterstützt. Bafög und Jobs waren nie nötig (auch, weil ich keine Studiengebühren entrichten musste). Auf Stipendien habe ich mich in Deutschland nie beworben (und wurde dazu auch nie ermuntert). Im Rückblick bin ich der Meinung, dass eine Bewerbung mit meinem Hintergrund keine Chancen auf Erfolg gehabt hätte.

Einer meiner akademischen Lehrer im Magisterstudium, der vor meinem Abschluss nach Boston gewechselt war, empfahl mir, mich dort für ein Graduiertenstudium zu bewerben. Das war damals die einzige Bewerbung, die ich schrieb (ich hatte keine Vorstellung davon, was ich nach dem Studium mit meinem Leben anfangen wollte). Ich wurde angenommen, und ohne vorherige Auslandserfahrung zog ich in die Vereinigten Staaten. Im gesamten ersten Jahr des Graduiertenstudiums habe ich in Seminaren und Kolloquia überhaupt nicht gesprochen. Dissertation nach sechs statt der vorgesehenen fünf Jahre abgeschlossen. Danach zehn Jahre akademisches Prekariat (Lehraufträge, Post-doc, weitere Lehraufträge, WMA-Stelle, befristete Professur) in den Vereinigten Staaten, Schweden, Deutschland und den Niederlanden, erste unbefristete Stelle mit 41 Jahren.

Soweit ich das überblicke, bin ich der:die einzige deutsche trans und einzige nicht-binäre Philosoph:in mit einer unbefristeten Stelle in Europa (ich ganz allein bin die Lobby und die Cancel Culture).

Hindernisse und Unterstützung

Die guten Noten haben mit Sicherheit dazu beigetragen, dass mir nicht allein aufgrund meines familiären Hintergrundes der Bildungsweg an die Universität verschlossen blieb. Hinzu kommen die finanzielle Unterstützung meiner Mutter im Studium und die Förderung durch Lehrer:innen und Mentor:innen an Schule, Universitäten und im Arbeitsumfeld. Die Unterstützung durch erfahrene Kolleg:innen ist dabei bis heute wertvoll. Ich bin dankbar, dass ich mich aktuell in einem Arbeitsumfeld befinde, in dem unter Kolleg:innen gleichen Ranges mehr Solidarität als Konkurrenz gelebt wird, und in dem meine Forschungsinteressen als bereichernd wahrgenommen werden.

Mein familiärer Hintergrund hat für ein nachhaltiges impostor syndrome gesorgt. Das fehlende kulturelle Kapital und mein sozialer Habitus haben vor allem während meiner Zeit in den Vereinigten Staaten dazu geführt, dass ich meinen eigenen Fähigkeiten nicht mehr vertraute und es mir bis heute schwerfällt, selbstbewusst wissenschaftliche Interessen und Ambitionen zu formulieren. Hinzu kommen durch die schwierige Familiengeschichte bedingte psychische Verletzungen, die mich während des Studiums und während meiner Zeit im akademischen Prekariat teilweise stark behindert haben.

Trotzdem Philosophie?

Mein anfängliches Interesse an der Philosophie würde ich als ein historisches beschreiben: ich fand den Philosophieunterricht an der Schule und im Grundstudium spannend, weil sich mir erschloss, wie sich Theoriegebäude mit der Zeit entwickelt und aufeinander Bezug genommen haben. Dazu kam dann ein Interesse am „philosophischen Puzzle“: ein Argument nicht nur aufzudröseln, sondern auch eine eigene Position in Bezug auf ein solches Argument formulieren zu können.

Lange waren diese Interessen von meiner eigenen Geschichte und meinen Erfahrungen abgekoppelt: Philosophie war ein Weg, mich nicht mit mir und meinem Nahfeld auseinandersetzen zu müssen, sondern vermeintlich „objektiv“ auf die Welt zu blicken. Bei der Themenwahl meiner Magister- und meiner Doktorarbeit (Vergleich von Kants und Hobbes Staatstheorie, abstrakter Beitrag zur politischen Philosophie der Migration) fühlte ich mich verpflichtet, „echte“ philosophische Themen zu wählen anstelle der queeren und konkret-politischen Themen, die mich auch schon damals interessierten.

In den Jahren nach meiner Dissertation habe ich mir diese Themen erarbeitet, und dadurch zum ersten Mal das Gefühl gewonnen, mit einer eigenen philosophischen Stimme zu sprechen. Dennoch würde ich nicht von einem Bruch in meiner philosophischen Entwicklung sprechen; ich bin nicht von vermeintlich „sicheren“ und „objektiven“ philosophischen Themen in die Randbereiche der Disziplin gewandert, sondern befinde mich inmitten einer Disziplin, die (hoffentlich) diese „Randbereiche“ in ihr Zentrum holt, und so relevant bleibt. Die „klassischen“ historischen und analytischen Perspektiven, die mich für die Philosophie begeisterten, sind mir dabei weiterhin wichtig und bilden eine Grundlage (unter mehreren) meiner philosophischen Herangehensweise.

Maren Behrensen ist assistant professor an der Section of Philosophy der University of Twente, Enschede, Niederlande.

Aus dem akademischen Mittelbau

Erfahrungen eines anonymen Postdocs

Wie würdest Du Deinen sozialen Hintergrund beschreiben?

Meine Eltern haben die Schule mit einem Haupt- und einem Realschulabschluss verlassen. Danach haben Sie als Angestellte in Büros gearbeitet. Auch ihr Freundeskreis und mein soziales Umfeld vor der Studienzeit war ähnlich (Straßenbahnfahrer, Bergarbeiter, etc.). Meinen Eltern war es wichtig, dass ich eine Schule besuche, auf die mehrheitlich „normale Menschen“ gehen (und nicht etwa mehrheitlich Ärzte- und Anwaltssöhne und -töchter). Aus diesem Grund wurde ich nicht auf ein Gymnasium sondern auf eine Gesamtschule geschickt. Zu Akademiker:innen habe ich erst im Laufe des Studiums Kontakt gefunden.

Was waren für Dich besondere Schwierigkeiten, die mit Deinem Hintergrund zu tun hatten oder haben, und gibt es ein Beispiel für eine Erfahrung oder Anekdote, die diese gut veranschaulicht?

Hier gibt es im Wesentlichen drei Punkte. Bei jedem dieser Punkte möchte ich betonen, dass die Auswirkungen in meinem Fall (weiß, männlich, ohne Migrationshintergrund) vergleichsweise moderat sind. Ich denke aber, sie verweisen auf strukturelle Probleme, die sich bei Personen aus weniger privilegierten Gruppen deutlich drastischer auswirken:

(a) Geld: Auf meiner Gesamtschule gab es keine Veranstaltungen oder Informationen zum Studium (das war und ist nicht auf jeder Gesamtschule so, passiert aber auch heute noch) . So hatte ich, bevor ich an die Uni kam, z.B. nie von der Möglichkeit gehört, durch Begabtenförderwerke finanzielle Unterstützung zu erhalten. Auch die Möglichkeit eines Auslandssemesters bestand für mich nur theoretisch: „Woher soll das Geld kommen?“ Zwar gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich finanzielle Unterstützung für derartige Vorhaben zu organisieren. Entsprechende Informationen waren allerdings zumindest zu meiner Studienzeit (Anfang der 2000er) nicht leicht zugänglich. Zudem ist die Unterstützung vielfach nicht ausreichend, wenn sonst keine Mittel vorhanden sind, die z.B. im Vorhinein ausgelegt werden können. Nun muss niemand ein Auslandssemester machen, um eine akademische Karriere zu starten. Doch ist dies freilich ein gewisser Vorteil, der mehrheitlich Personen zugutekommt, die (i) aus einem sozialen Hintergrund stammen, in dem Auslandserfahrungen während der Studienzeit etwas völlig normales sind und (ii) entsprechende finanzielle Ressourcen vorhanden sind.

(b) Habitus: Für eine erfolgreiche akademische Karriere ist ein gutes Netzwerk entscheidend. De facto werden Netzwerke vielfach während Konferenzdinners und ähnlichen Anlässen gebildet. Sich im Rahmen der dort teils vorherrschenden Üblichkeiten zurechtzufinden ist nicht einfach. Sobald sich das Gespräch von philosophischen Themen auf Themen wie Kunst, Kultur oder Skiurlaube schwenkt, wird man schnell vom Insider zum Outsider. Ähnliche Probleme ergeben sich bei Anlässen, mit denen gewisse Erwartungen im Hinblick auf das äußerliche Auftreten verbunden sind.

(c) Familie: Die meisten Personen aus meinem familiären Umfeld befinden sich in völliger Unklarheit, darüber, was meine Arbeit ist (bzw. ob es sich dabei überhaupt um echte Arbeit handelt). Es ist ihnen nicht ersichtlich, warum die Arbeit immer nur befristet ist und warum es sinnvoll sein könnte, auch während einer Periode ohne Arbeitsvertrag weiteren Anträgen und Aufsätzen zu arbeiten, weiterhin Hausarbeiten ehemaliger Studierender zu korrigieren, an Kommissionssitzungen und Tagungen teilzunehmen; warum es sinnvoll sein kann, auf ein höheres Gehalt zu verzichten, um stattdessen mit bestimmten Personen zu arbeiten, sich die Mühe zu machen, Bücher zu schreiben, wenn man anderen Verkauf keinen Cent verdient, warum man Stipendien „echten“ Jobs vorzieht, etc. Auf Dauer kann das zu einer nicht unerheblichen Belastung auf beiden Seiten führen: von Seiten der Familie ist da der nagende Verdacht, dass ich mir vielleicht seit Jahren auf Kosten der Steuerzahler ein faules Leben ohne geregelte Arbeitszeiten erlaube; von meiner Seite ist da die Unmöglichkeit, zu vermitteln, warum z.B. eine Veröffentlichung in der Erkenntnis ein wichtiger Karriereerfolg ist.

Was hat Dir dabei besonders geholfen, diese oder andere Schwierigkeiten zu überwinden, und gibt es auch hier ein Beispiel für eine Erfahrung oder Anekdote, die dies gut veranschaulicht?

Mentor:innen und Freund:innen spielen die größte Rolle, zudem der Kontakt mit anderen Erstgenerationist:innen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Generell ist da die Tatsache, dass es gerade in der analytischen Philosophie dann doch sehr viele Personen gibt, die es verstehen, sich auf Sachfragen zu beschränken, und die sich ihrer eigenen sozialen Identität und den damit verbundenen Vorstellungen von Normalität bewusst sind.

Gibt es besondere Einsichten oder Perspektiven, die Du Deinem Hintergrund verdankst und die für Deine philosophische Forschung oder Lehre von besonderem Wert sind?

Ich versuche meine Erinnerung an die ersten Studiensemester präsent zu halten, da ich mir erhoffe, dass meine Erfahrungen von damals mir ein wenig helfen, Studienanfänger:innen auf Augenhöhe zu begegnen. Es ist erstaunlich, dass viele Lehrende implizit (und sicherlich unbewußt und in guter Absicht), davon ausgehen, dass die Studierenden ein gewisses bildungs-sprachliches Vokabular beherrschen und sich bestimmter Rede- und Höflichkeitsformen bewusst sind. Das ist aber gerade bei Personen aus einem nicht-akademischen Umfeld eben nicht selbstverständlich. Es kann dazu führen, dass solche Personen selbst den normalen Besuch in einer Sprechstunde als eine große Herausforderung empfinden. So wie Mediziner:innen häufig als „Halbgötter in weiß“ empfunden werden, werden Dozierende (zumal solche mit Professor:innentitel) als unnahbare Halbgötter empfunden.

Der Verfasser dieses Beitrags ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer deutschen Universität.

Corina Strößner

Ich bin in einer ostdeutschen Kleinstadt aufgewachsen. Meine Mutter war 16 Jahre alt als ich geboren wurde. Die ersten Jahre lebte ich zusammen mit ihr bei meiner Oma. Meine Kindheit war noch stark von der DDR und ihren Institutionen (Wochenkrippe, Kindergarten und ein paar Jahre Polytechnische Oberschule) geprägt. Nach der Wende hat meine Mutter an einer Abendschule das Abitur nachgeholt. Sie hat aber nie eine Uni besucht. Wir wohnten erst in einem Altbau und später in einer Plattenbausiedlung, ein Wohnumfeld, das in den 90ern von Armut und leider auch Neonazis geprägt war. Es gab seitens meiner Mutter allerdings immer ein Bedürfnis nach Bildung. Wir waren in Bibliotheken, manchmal im Theater, in Museen. Während wir zwar von Sozialhilfe lebten, war ich in dieser Hinsicht durchaus privilegiert. Um einem gewaltvollen sozialen Umfeld in der Mittelschule (sächsisches Pendant zur Haupt- & Realschule) zu entgehen, wechselte ich ab der siebten Klasse auf das Gymnasium. Am Anfang hatte ich mir das eigentlich nicht zugetraut und für unpassend empfunden. Mit der Zeit fand ich aber im Unterricht meine Nischen. Irgendwann war dann klar, dass ich mich eher im kognitiven als im praktischen Bereich entfalten kann und an die Uni gehe. Heute erscheinen mir die sozialen Gepflogenheiten des akademischen Lebens oft noch befremdlich. Ich bin nicht wie ein Fisch in seinem Teich, sondern in ganz fremden Gefilden. Zumindest in meinem Arbeitsreich ist der soziale Rahmen sehr weit und es herrscht eine große Toleranz, so dass man sich nicht allzu sehr verstellen muss.

Ich glaube nicht, dass meine Herkunft mir besondere Einblicke eröffnet. Philosophie erscheint mir egalitär und universell oder zumindest ist das ein Anspruch, den ich mit ihr verbinde. Ich glaube aber, dass kognitive Diversität diesem Zweck dienlich ist. Insofern ich von anderen politischen und soziale Systemen geprägt wurde als viele andere Personen in der Philosophie, kann ich dazu vielleicht ein Stück weit beitragen.

Corina Strößner arbeitet derzeit bei Birkbeck, University of London. Zuvor war sie an der Ruhr Universität Bochum und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Johannes Steizinger

Ich bin im ländlichen Raum Österreichs aufgewachsen und komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Mein Vater ist Bäckermeister, hat jedoch den Großteil seines Lebens in einer Fabrik gearbeitet, wo er sich gewerkschaftlich organisiert und zum freigestellten Betriebsrat hochgearbeitet hat. Meine Mutter ist ausgebildete Köchin und hat als Kellnerin, Reinigungskraft und Heimhilfe im Altersheim gearbeitet. Der bürgerliche Bildungskanon spielte in meinem Elternhaus keine Rolle. Meinen Eltern war es jedoch wichtig, dass meine Brüder und ich eine gute Ausbildung genießen—eine Einstellung, die im sozialdemokratischen Österreich der 1970er kultiviert wurde. Ich hatte das große Glück, dass ich an entscheidenden Stellen meines Bildungsweges von Mentor:innen gefördert wurde. In der ersten Klasse Volkschule machte eine Lehrerin meine Eltern darauf aufmerksam, dass ich studieren sollte und eröffnete mir damit eine Möglichkeit, die sozial nicht unbedingt vorgesehen war. 

Es war die Sprache, anhand derer ich seit meinem Eintritt in eine Bildungslaufbahn immer wieder auf die Bedeutung von Klassenunterschieden gestoßen wurde. Mein Deutschlehrer machte sich in der Unterstufe des Gymnasiums vor der gesamten Klasse über mich lustig, weil ich ein alltägliches Wort im Idiom meiner Herkunftsklasse aussprach. Und meine Klassenlehrerin machte sehr deutlich, dass ich aufgrund meiner etwas roheren Verhaltensweisen, die sie auf meine fehlende Erziehung zurückführte, keinen Platz in der bürgerlichen Idylle eines humanistischen Gymnasiums habe. Diese Erfahrungen stachelten zum einen den Rebellen in mir auf, zum anderen bewirkten sie starke Anpassungsleistungen, um mir den Wunsch eines intellektuellen Lebens zu erfüllen. Als ich mit 18 Jahren zum Studieren nach Wien ging, ließ ich das Idiom meiner Eltern hinter mir und erfand mich sprachlich komplett neu. Manchen war aber auch das nicht genug. Ein bekannter deutscher Professor riet mir auch die letzten Reste meine österreichischen Akzents zu eliminieren, um in Deutschland eine Chance auf eine Professur zu haben. 

Diese fortlaufende Anpassung an immer feinere Unterschiede und Besonderheiten des Bildungsbürgertums bewirkte eine tiefe Entfremdung von meinem sozialen Hintergrund. Die Erfahrungswelt meiner Eltern spielt im universitären Kontext keine Rolle. Das in der Kindheit und Jugend erlernte Alltagswissen wurde deshalb weitgehend nutzlos und jeder meiner Karriereschritte war mit einem zusätzlichen Lernaufwand verbunden. Studieren bedeutete für mich auch einen sozialen Code zu entschlüsseln, der mir fremd war und in dem mich nie ganz heimisch fühlen werde. Deshalb hatte ich oft das Gefühl auf mich allein gestellt sein. Auch diese Erfahrung hatte eine ambivalente Wirkung. Zum einen gewann ich viel an Selbstsicherheit, weil ich akademische Erfolge komplett als die meinen begreifen konnte. Zum anderen fehlte mir aber oft die Gelassenheit, die auf der Gewissheit beruht, schon dazuzugehören. 

Mein sozialer Hintergrund beeinflusst meine philosophischen Interessen auf unterschiedliche Weise. Ich finde es wichtig, die Geschichte der Philosophie auch als eine Sozialgeschichte zu begreifen, um die soziale Position und das soziale Selbstverständnis von Philosoph:innen zu berücksichtigen. Das hat, glaube ich, auch damit zu tun, dass ich durch den radikalen Wechsel der sozialen Schicht erlebte, wie stark die Anerkennung von Wissensformen und die Beurteilung von Verhaltensweisen sozial geprägt sind. Beispielsweise belegen zahlreiche sozialpsychologische Studien, wie sehr moralischen Intuitionen von unserem sozialen Hintergrund bestimmt sind. Ich sehe keinen Grund, weshalb (akademische) Philosoph:innen, die auch eine bestimmte Position im Gesellschaftsgefüge inne haben und eben keine freischwebenden Intellektuellen sind, von dieser Prägung ausgenommen sein sollen. 

Zudem habe ich viel vom zweiten Bildungsweg meines Vaters gelernt, der ihm durch die Gewerkschaft ermöglicht wurde. Mir ist durch seine intellektuelle Entwicklung deutlich geworden, wie wichtig soziale Räume sind, in denen Selbstbildung durch Austausch auf Augenhöhe ermöglicht wird. Nicht zuletzt deshalb ist mir ein gewisser Widerstand gegen die hierarchischen Strukturen des Universitätsbetriebs erhalten geblieben, in dem die Lehre immer noch zu stark auf der Autorität der Professor:in beruht. Die sozialen Grundlagen dieser Autorität verweisen aber auch auf meine privilegierte Position als weißer Mann, die viel damit zu tun hat, dass ich meinen Weg erfolgreich gehen konnte.

Johannes Steizinger ist Associate Professor of Philosophy an der McMaster University (Hamilton, Kanada). 

Christine Chwaszcza

Wie würden Sie Ihren sozialen Hintergrund beschreiben?

Mütterlicherseits: Landwirtschaft; väterlicherseits: Handwerk. Prägend für beide Elternteile scheinen mir jedoch die Kriegs- und Fluchterfahrungen in früher Jugend bzw. Adoleszenz zu sein und das damit verbundene Gefühl „Du gehörst hier nicht hin. Du musst erst einmal zeigen, dass Du es verdienst, respektiert zu werden“.

Ansonsten: durchgängig misogyn. – Intelligenz, Bildung und Wissen waren in meiner Familie etwas für „Jungs“. Bei den Mädchen zählten vor allem heiratsförderliche Eigenschaften wie „gute Kuchen backen“, „schöne Beine“ und „häusliche Fleißarbeit“. Den Weiterbesuch des Gymnasiums musste ich nach dem frühen Tod meines Vaters gegen den Wunsch meiner Mutter durchsetzen. Als ich ein Studium begann, fragten einige Verwandte „Warum studierst Du? Hast Du keinen Freund? Willst Du, dass Deine Kinder Oma zu Dir sagen?“

Was waren für Sie besondere Schwierigkeiten, die mit Ihrem Hintergrund zu
tun hatten oder haben, und gibt es ein Beispiel für eine Erfahrung oder Anekdote, die diese gut veranschaulicht?

Für mich war das Studium eine Befreiung von der Familie. Das erste Studienjahr
habe ich mir geschenkt und Griechische Philologie belegt, weil der Griechisch-Leistungskurs so enttäuschend gewesen war. Danach begann ich ein Lehramtsstudium, weil das einer der vier akademischen Berufe war, die mir bekannt waren. Die Erfahrung eines studienbegleitenden Praktikums zeigten aber bald, dass ich mich nicht für das Lehramt erwärmen konnte, sondern es genoss, mich in Forschungsfragen zu vertiefen. Ich bekam früh eine Stelle als Hilfskraft angeboten und hatte während dieser Zeit viel Unterstützung durch Dozenten und fortgeschrittene Mitstudierende, nicht zuletzt in den Magistranden- und Doktorandenseminare, die ich als enorm lehrreich wahrnahm. Ähnliches gilt auch für die Zeit vor und nach der Promotion und die Zeit als wissenschaftliche Assistentin. Inhaltlich bewegte ich mich stringent vom Literatur- und Sozialwissenschaftsstudium zur Philosophie, genauer gesagt zur analytischen Philosophie (am Stegmüller-Institut der LMU). Vorbehalte, sofern es welche gab, richteten sich eher gegen mein Interesse an normativer politischer Philosophie – im Gegensatz zu Logik und Erkenntnistheorie – und analytischer Philosophie – im Gegensatz zu Hegel, Hermeneutik und Heidegger.

Erst nach der Habilitation hatte ich öfter Mal das Gefühl als „bunter Vogel“ wahrgenommen zu werden, der nicht dazu gehört. Retrospektiv würde ich dies aber eher meinem Frausein zuschreiben als meiner Herkunft. Nach einem Vorsingen sagte einmal ein sehr bekannter Professor zu mir: „Frau Chwaszcza, Sie werden in Deutschland nie eine Professur bekommen. Sie ja viel zu klein. Sie können ja noch nicht mal über das Rednerpult schauen.“ Ein andermal wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, an einem Projekt der Architektur zur Ästhetik von Parkhäusern aus feministischer Perspektive mitzuarbeiten. Als ich zurückfragte, ob diese Frage auch männlichen Bewerbern gestellt wird, war der einhellige Ärger der Kommissionsmitglieder deutlich spürbar.

Was hat Ihnen dabei besonders geholfen, diese oder andere Schwierigkeiten zu überwinden, und gibt es auch hier ein Beispiel für eine Erfahrung oder Anekdote, die dies gut veranschaulicht?

Ich nehme an verschiedene Dinge: eine autokompetitive Orientierung an akademischen Standards, workaholism, akademische Auslandserfahrungen und ein ungebrochenes Interesse an philosophischen Fragestellungen. Vielleicht: eine intergenerationell ererbte Resilienz gegen Fremdheitserfahrungen. Definitiv: die großartige Unterstützung meiner philosophischen Projekte durch meinen Ehemann.

Gibt es besondere Einsichten oder Perspektiven, die Sie Ihrem Hintergrund
verdanken und die für Ihre philosophische Forschung oder Lehre von besonderem Wert sind?

Inhaltlich-sachlich: Eine profunde Wertschätzung des common sense – die konsequent zur Orientierung an der ordinary language Philosophie geführt hat.

Studienorganisatorisch: Ohne Schüler-Bafög hätte ich weder das Gymnasium abschließen noch ein Studium beginnen können. Ich halte diese Form der Förderung für enorm wichtig und finde, dass es für ihre Aufrechterhaltung auch wichtig ist, das Studium abzuschließen und die Darlehen zurückzuzahlen.

Auch die Einbeziehung junger Studierender in akademisches Arbeiten über HiWi Stellen und Lehraufträge ist nicht nur eine intellektuelle Förderung, sondern ein Modus sozialer Integration, der zeigt, „wie der Betrieb funktioniert“ (auch wenn man Manches erst retrospektiv versteht).

Ein Promotionsstipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung habe ich nach einem Jahr zurückgegeben, weil der Betrag für ein Leben in München einfach zu gering bemessen war. Ich habe die Promotion stattdessen durch einen „Job“ finanziert. Das hat mich auch gelehrt, meine Forschung gut zu organisieren, mich auf die entscheidenden Punkte zu fokussieren und einzusehen, dass man Arbeiten auch abschließen kann, ohne alle Fragen erschöpfend beantwortet zu haben. Es gibt auch post-doktorale Forschungsprojekte! Meine persönliche Erfahrung ist: die frühe finanzielle Förderung ist wichtiger als die späte.

Christine Chwaszcza ist Professorin für Politische und Sozialphilosophie an der Universität zu Köln. 

Martin Lenz

Meine Eltern sind zum Ende des Zweiten Weltkriegs als Kinder aus Pommern und Ostpreußen nach Westdeutschland geflohen. Meine Mutter arbeitete dort als Putzfrau und Verkäuferin, mein Vater als Kraftfahrer. Meine Ambitionen haben sie überrascht; gleichwohl haben sie versucht, mich nach Kräften zu unterstützen. Im Studium und auch danach war ich mir eigentlich keiner besonderen Schwierigkeiten bewusst. Erst viel später wurde mir deutlich, dass ich oft versucht hatte, meine Herkunft zu verbergen, und dass mein Leben auf diese Weise oft mit einer gewissen Scham verbunden war. Als mein akademischer Lehrer einmal darauf hinwies, wie ausgesucht ich gekleidet sei, erschrak ich etwas, weil mir bewusst wurde, wie gut ich mich zu verstellen gelernt hatte – auch vor mir selbst. Zu sehen, wie sehr es andere ermutigen kann, von dieser Scham und anderen Schwierigkeiten zu wissen, hat mich ermuntert, meine Erfahrungen gelegentlich zu thematisieren. So bin ich gut mit meinem „inneren Studenten“ in Kontakt geblieben und hole ihn gern hervor, um bestimmte Probleme zu verstehen und anzugehen. Einerseits ist mir vielleicht gerade deshalb heute klar, wie viel ich persönlich der demokratischen Bildungsorientierung in den 70er Jahren verdanke. Andererseits ist es erschreckend zu sehen, wie sehr diese Orientierung inzwischen politisch bekämpft wird. In diesem Sinne erscheint die noch immer behauptete meritokratische Ausrichtung  in der akademischen Welt als ein toxisches Feigenblatt. Gerade für die Philosophie ist es essentiell, eine demokratische und pluralistische Bildungsorientierung zurückzugewinnen. Deshalb versuche ich, diese Themen in meinem Blog (https://handlingideas.blog/tag/meritocracy/) und durch aktive Arbeit in der Gewerkschaft (https://organizetherug.wordpress.com/) präsent zu halten. Wenn es also eine Erfahrung gibt, die ich in besonderer Weise mit meinem Hintergrund verbinde, so ist es die: Akademische Arbeit zu fördern verlangt, in Solidarität statt Konkurrenz zu leben. 

Martin Lenz ist Professor für Philosophiegeschichte an der Universität Groningen. 

Elif Özmen

Ich bin in der schönen Hansestadt Bremen geboren und in einer kleinen, mit Büchern vollgestopften Mietwohnung aufgewachsen. Meinen soziokulturellen Hintergrund würde ich als bildungsverliebt beschreiben: Kultur, Bildung und die Künste gelten in meiner Familie als Eigenwert, aber auch als Kapital für die Persönlichkeitsentwicklung und Lebensführung. Felsefe (Philosophie) als Beruf stellt gewissermaßen die Vollendung dieses überaus bürgerlichen Ideals dar.

Quer dazu steht unsere Migrationsgeschichte und die damit verbundenen biographischen Zäsuren und persönlichen Herausforderungen. Ich bin ein sogenanntes Gastarbeiterkind; meine Eltern sind im Rahmen des Anwerbeabkommen mit der Türkei in den 1960er Jahren in die Bundesrepublik migriert. Damit war der Traum vom Studium für beide erledigt und wurde anstandslos ersetzt durch einen anderen Traum vom guten Leben in Deutschland (und ab Mitte der 1990er Jahre auch als Deutsche).

Dass ich „die kleine Türkin“ sei, habe ich das erste Mal in der Grundschule vernommen, aber auch als Professorin unter Kollegen ist es mir schon passiert, dass sich jemand verwundert über meine Akzentlosigkeit oder den „komischen Namen“ zeigt. Ich versuche damit genauso hart, herzlich oder ignorant umzugehen, wie mit den Mühsalen und Widerständen, die die akademische Karriere, gerade auch in der Philosophie, für uns Frauen bereithält.

Eigentlich glaube ich, dass mein eher dickes Fell und mein Hang zu Widerrede, Trotz und freundlicher Beharrlichkeit auch meinem familiären Hintergrund geschuldet ist. Immerhin sind meine Eltern als junge Menschen in ein gänzlich fremdes Land aufgebrochen und dort allen Widrigkeiten zum Trotz heimisch geworden. Dazu gehören Mut, Selbstvertrauen und die Hoffnung, es schaffen zu können. Über dieses positive Erbe der sons and daughters of Gastarbeiter wird viel zu selten gesprochen.

In finanzieller Hinsicht war mir von Beginn meines Studiums über alle Qualifikationsstufen bis zur ersten Ruferteilung klar, dass ich keine längere Zeit ohne gesicherte Finanzierung durch Stipendien und akademische Stellen durchhalten könnte, einfach weil die finanziellen Polster und familiären Rücklagen fehlten. Das bedeutet für die ohnehin schon prekären Verhältnisse des Nachwuchses, die durch #IchBinHanna gegenwärtig viel Aufmerksamkeit erfahren, noch eine zusätzliche Beschwernis. Dass so wenige Nichtakademikerkinder promovieren und noch weniger den Sprung zur Professur schaffen, hat eben auch was damit zu tun, dass man sich Wissenschaft als Berufsziel leisten können muss.

Ich weiß nicht, ob diese persönliche Geschichte von Philosophie in erster Generation mit besonderen Einsichten oder Perspektiven einhergeht. Für die Wahl der Themen und Probleme, die mich philosophisch beschäftigen, spielt es eher keine Rolle. Im Umgang mit Studierenden und Mitarbeiter:innen glaube (hoffe) ich, dass ich aufmerksam und vor allem ansprechbar bin auch für Fragen und Probleme, die nicht fachwissenschaftlicher Natur sind, aber den Studienerfolg und das akademische Vorankommen gleichwohl beeinflussen können. Die Frage nach der Finanzierung ist zum Beispiel einerseits ziemlich persönlich, aber ich stelle sie bei auffällig klugen und motivierten Studierenden dann doch, um herauszufinden, ob und in welcher Weise eine Unterstützung ermöglicht werden kann. Mir scheint, dass ich auch etwas weniger empfänglich bin für die Autorität des professoralen Habitus, der einem ja immer noch regelmäßig begegnet in Fachbereichssitzungen, Berufungskommissionen oder Vortragsdiskussionen. Es hat eben auch Vorteile, wenn man diesem Gehabe, gerade weil man es nicht von Hause aus beherrscht, distanziert gegenüberstehen kann.

Elif Özmen ist Professorin für praktische Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Andreas Hüttemann

Wie würdest Du Deinen sozialen Hintergrund beschreiben?

Mein sozialer Hintergrund in Stichworten: Landwirtschaft, vier Generationen unter einem Dach, höchste Bildungsabschlüsse der Eltern: Hauptschule und Realschule; Anzahl Klaviere /Anzahl Museumsbesuche mit Eltern jeweils: 0.

Auch wenn der Hintergrund formal betrachtet bildungsfern war, waren meine Eltern überzeugt, Bildung führe zu sozialem Aufstieg. Die Kinder, die nicht den Hof übernehmen, sollten daher idealerweise studieren. Da es BAFöG gab, stand – trotz Geldferne – nie in Frage, dass sich das auch realisieren lässt. 

Was waren für Dich besondere Schwierigkeiten, die mit Deinem Hintergrund zu tun hatten oder haben, und gibt es ein Beispiel für eine Erfahrung oder Anekdote, die diese gut veranschaulicht?

Ich habe (anders als andere, mit denen ich darüber gesprochen habe) keine besonderen Schwierigkeiten erlebt, die mit meinem Hintergrund zusammenhingen und habe mich gefragt woran das lag. Meine vorläufige Antwort: Einem guten Schüler/einer guten Schülerin gegenüber verhalten sich selbst die Lehrer/innen, die auch anders können, meistens freundlich (entsprechend auch an der Universität). Die guten Noten übertrumpfen den Hintergrund. Wahrgenommen wurde er durchaus. Als mich die Schulleiterin für die Studienstiftung vorschlug, gab sie mir noch den Ratschlag, im Falle eines Interviews auf „watt“ und „datt“ zu verzichten und lieber „das“ und „was“ zu verwenden. Durch die guten Noten wurde der einfache Hintergrund nicht zu einem Nachteil, sondern zu einem charmanten Feature. 

Was hat Dir dabei besonders geholfen, diese oder andere Schwierigkeiten zu überwinden, und gibt es auch hier ein Beispiel für eine Erfahrung oder Anekdote, die dies gut veranschaulicht?

Zu studieren, wenn die Eltern Akademiker sind, ist ja nichts Besonderes, mit einfachem Hintergrund schon eher. Den einfachen Hintergrund habe ich nicht als Makel empfunden oder mir als solchen einreden lassen, eher war ich stolz darauf, einen eigenen Weg zu gehen. 

Gibt es besondere Einsichten oder Perspektiven, die Du Deinem Hintergrund verdankst und die für Deine philosophische Forschung oder Lehre von besonderem Wert sind?

Vielleicht hat mich die analytische Philosophie, in der es – zumindest ihrem Selbstverständnis nach – um Argumente geht, in meiner Studienzeit in Heidelberg mehr als z. B. die hermeneutische Tradition angesprochen, in der kulturelles Kapital eine größere Rolle spielte.

Andreas Hüttemann ist Professor für theoretische Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität zu Köln.

Christian Neuhäuser

Mein Familienhintergrund entspricht einer klassischen Arbeiterfamilie. Meine Mutter ist ausgebildete Friseurin, mein Vater Werkzeugmacher. Die Großeltern waren Kleinbauern und Fabrikarbeiter. Formale Bildung spielt in solch einer Familie keine besondere Rolle; was zählte, waren eher Lebenserfahrung und -weisheit. Einzig meine Mutter hat ihren Kindern die Möglichkeiten einer Schulbildung nahegebracht. Sie selbst war von ihren Lehrern für eine höhere Schulbildung vorgeschlagen worden, was ihr von der Familie jedoch verwehrt wurde, weil sie möglichst früh zum Familieneinkommen beitragen sollte.

Auch mein eigener Bildungsweg ist nicht unbelastet. Bereits in der ersten Klasse war ich mit einer sehr deutlichen Ablehnung meiner Klassenlehrerin konfrontiert. Im Nachhinein lege ich mir dies so zurecht, dass sie mich einfach nicht einschätzen konnte. Auf der einen Seite war ich in formaler Hinsicht unterentwickelt, etwa was meinen Sprachduktus oder mathematischen Fähigkeiten angeht. Auf der anderen Seite war ich aufgeweckt und selbstbewusst. Allein der Widerstand meiner Mutter und die Intervention eines anderen Lehrers haben verhindert, dass ich auf eine damals Sonderschule genannte Förderschule geschickt wurde.

Diese Dynamik hat im Grunde meinen gesamten Bildungsweg durchzogen. Realschulempfehlung nach der Orientierungsstufe; Sitzenbleiben in der achten Klasse; Lehrer:innen, die mir die Abitureignung abgesprochen haben; Ablehnung durch Kommiliton:innen und Dozent:innen im Studium; professorales Unverständnis für meinen Wunsch zu promovieren; bescheinigte Aussichtlosigkeit einer wissenschaftlichen Karriere, geschweige denn was den Erhalt einer eigenen Professur anbelangt. Auf der anderen Seite gab es aber auch immer Befürworter:innen, die mir den Rücken gestärkt und mich ermutigt haben, auf diese Vorurteile nichts zu geben. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft, den Job zu ergreifen, der mir so viel Freude bringt. Ich hätte es nicht einmal gewagt, es zu versuchen.

Ich denke, dass ich für die eine Gruppe von Akteuren einfach nicht in bildungsbürgerliche Schemata gepasst habe und sie mich deswegen abgelehnt und versucht haben, mich auszugrenzen. Zumindest haben sie mir nicht besonders viel Aufmerksamkeit oder Wohlwollen geschenkt. Eine andere, freilich deutlich kleinere Gruppe hat mich jedoch als individuelle Persönlichkeit gesehen, die damit verbundenen Widersprüche, Unsicherheiten und Ängste erkannt und mich entsprechend gefördert.

Letztlich hat mir diese Bildungsgeschichte immerhin schon früh die Möglichkeit gegeben zu lernen, in verschiedenen Welten zu leben. Der radikale Wechsel der sozialen Schicht durch den Schritt „vom Arbeiterkind zum Professor“, wie es so schön heißt, ist nämlich tatsächlich ein radikaler Wechsel der Lebenswelt. Gut an dieser Erfahrung ist, dass ich gelernt habe, soziale Konventionen als solche zuerkennen und verschiedene Rollen zu spielen. Nicht so gut daran ist, dass zumindest ich doch rechthäufig das Gefühl habe, nie so richtig in der neuen Welt angekommen zu sein. Das liegt auch daran, so glaube ich, dass diejenigen, für die diese Lebenswelt ganz selbstverständlich ist, zumeist kaum verstehen, wie wenig sie das in Wahrheit ist. Leider tragen sie damit mehr oder weniger bewusst zu bestehenden Strukturen der Exklusion und zu Formen des „Othering“ bei, wie ich immer wieder erleben musste und muss.

Christian Neuhäuser ist Professor für Praktische Philosophie an der TU Dortmund.