Menschen ohne Gesichter

Ein peruanischer Maler über sein Leben in Berlin

von Angelina Zoi

In Ländern wie Brasilien, Peru oder Kolumbien beschleunigt das Bevölkerungswachstum gepaart mit einer ineffizienten und ertraarmen Landwirtschaft die Migrationsbewegungen. Fruchtbares Acker- und Weideland wird immer knapper, und die Ernten reichen oft nicht aus, um alle Menschen zu ernähren. Unklare Bodenverhältnisse und ungerechte Verteilung verstärken dieses Phänomen.

Gut die Hälfte der Peruaner lebt unterhalb der Armutsgrenze und etwa 15 Prozent der 27 Millionen Einwohner haben nicht einmal einen Dollar täglich zur Verfügung. Um gut zu leben braucht man dort etwa 300 Dollar monatlich. Dieses Einkommen hat aber kaum jemand. Früher gab es einen sehr starken Rassismus in Peru, der sich gegen die Indianer richtete, obwohl die Hälfte der Bevölkerung in Peru Indianer sind. Offizielle Dokumente gab es nur auf Spanisch. Heute hat sich die Situation ein bisschen verändert. Die offiziellen Sprachen sind Spanisch und Quechua, die Sprache der Nachkommen der Inka.

In den offiziellen deutschen Statistiken tauchen Peruaner nicht auf. Dennoch gibt es sie. Die meisten wandern von Südamerika nach Spanien oder Italien aus. Dort finden sie leichter Arbeit. Deswegen gibt es in Deutschland nur wenige von ihnen.

Einer von ihnen ist Cesar Consales Reyes. Er ist 50 Jahre alt, geschieden und hat einen Sohn, der in Hamburg lebt. Vor 32 Jahren ist er von Peru nach Deutschland gezogen. Er folgte seiner Schwester, die ihm vom guten Leben in Deutschland erzählt hatte. Er ist überzeugt, dass er Nachkomme der Inka ist und zeigt auf seine Nase. „Wie bei einem Adler, groß und gebogen“, lacht er und ist sichtbar stolz auf sein Wurzeln.

Familie. Seine ethnologische Ausbildung bekam er an der Freien Universität in Berlin. Ursprünglich wollte Cesar in Deutschland als Ethnologe arbeiten, aber er fand keinen Job. Schließlich machte er eine Ausbildung zum Koch, später konnte er davon auch seine Familie ernähren. 14 Jahre war er mit einer Frau aus Finnland verheiratet, dann haben sie sich getrennt, weil er sich zu sehr für andere Frauen interessiert hat. Ihr gemeinsamer Sohn ist in Deutschland geboren, studiert Jura in Hamburg und hat eine finnische Freundin. „Ich mag Deutschland, weil es viele offene Türen gibt“, sagt Cesar. „Man kann sich hier realisieren.“ In Peru gebe es weniger solcher Türen und sie stünden nur den Reichen offen. Dennoch war am Anfang das Leben in Deutschland schwer. „Mein Vater war beim Militär und hat mir Disziplin und Ordnung beigebracht“, erinnert er sich an seine Kindheit. So habe er sich sehr schnell an die Besonderheiten der Deutschen gewöhnt. „Aber manche meiner Freunde können hier nicht leben und sind nach Peru zurückgekehrt“, bedauert er.

Arbeit. Dass er seit 20 Jahren von früh bis spät in Restaurants arbeitet, scheint ihn nicht zu stören. „Das wichtigste ist, dass mein Sohn eine gute Ausbildung bekommt. Er ist mein Leben“, sagt Cesar. Nachdem er bei einem Fahrradunfall zwei Finger verlor hatte, konnte Cesar nicht weiter als Koch arbeiten. Sechs Monate hat er keine neue Arbeit gefunden. Er hatte Angst und geriet in Panik, weil er seine Familie unterstützen musste. Doch mit seiner Energie schaffte er es, einen Restaurantbesitzer zu überzeugen, ihn als Manager einzustellen. 14 Jahre arbeitete er als Manager. Heute ist er Geschäftsführer eines mexikanischen Restaurants am Kurfürstendamm.

Kunst. Seine Lebensfreude holt sich Cesar aus der Kunst. Der stämmige kleine Mann wirkt wie ein Bündel aus Kraft und Energie, wenn er vom Malen redet. Seit seiner Jugend zeichnet er, meist abstrakt und bunt. „Ich brauche die Kunst wie die Luft zum Atmen.“ Seine Motive wählt er aus der alten Heimat. Doch die Menschen auf seinen Ölbildern haben keine Gesichter. Er weiß, dass das Leben in Peru schwer ist. Seine Landsleute müssen hart und viel arbeiten. „Deswegen kann ich auf ihren Gesichtern nur Leiden und Furchen sehen. Diese Gesichter möchte ich nicht zeigen.“, sagt er. Das Wichtigste in seinen Bildern seien die Farben. Durch sie versuche er die Emotionen und Gefühle seiner Landsleute zu zeigen: das Leiden, die Liebe, die Unruhe und die Hoffnung. „Meine alte Heimat ist die Motivation für meine Kunst in der neuen Heimat“. Doch er hat wenig Zeit zum Malen, jeden Tag muss er arbeiten, auch an den Wochenenden.

Nachbarn. Dass er hier in Deutschland bleiben wolle, sei ihm klar geworden, nachdem er in einer Sendung des Rundfunks mit einem jungen Neonazi diskutiert hatte. Der junge Mann behauptete, alle Ausländer zu hassen, weil sie im Falle einer schwierigen politischen Situation Deutschland den Rücken kehren würden. Doch Cesar ist sich sicher: „Ich werde niemals wieder gehen, denn meine Verwandten und Freunde leben hier.“

Durch seine ethnologische Ausbildung sind Cesar die Unterschiede zwischen Peruanern und Deutschen klar: Die Deutschen sparen, Peruaner nicht. Peruaner sind freundlich und offen. Deutsche würden andere nicht so schnell zum Essen einladen, Peruaner unbedingt. Die peruanische Bevölkerung denke nicht lange über das Heiraten nach. Wenn jemand einen anderen liebt, heiratet er einfach und überlegt nicht, ob es praktisch sei oder nicht. „Die Deutschen interessieren sich für die ganze Welt, aber meistens kennen sie nicht mal die Namen ihres Nachbarn“, meint Cesar. Er denkt, dass die Deutschen trocken, individuell und egoistisch seien. Die typischen Peruaner denken nicht an morgen. Sie analysieren nicht viel. „Wenn sie etwas spüren, machen sie es“, sagt er.

Die Autorin

Angelina Zoi ist im Stavropoler Gebiet, in Russland, geboren. Sie studierte Journalistik an der Fakultät für
Internationale Bezieungen in Bischkek, Kirgisien. Nach ihrem Studium lernte sie 1 Jahr lang PR in Moskau. Jetzt
schreibt sie für die Zeitung „Russische Koreaner“ und die Zeitschrift „Business in den GUS-Staaten und im Baltikum“, in Moskau.

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