Hier habe ich Freunde, hier bleibe ich

Jugendaustausch in Brandenburg

von Anush Petrosyan

Sünke nimmt Lilit an die Hand und zieht sie auf die Tanzfläche. Jenia schwenkt seine Hüfte gegen Antoninas Schenkel. Nebenan tanzt Henri im Gleichschritt. Die fünf Tänzer kommen aus Polen, Litauen, Armenien, der Ukraine und Deutschland. Sie sind geistig und körperlich behindert.

In der Evangelischen Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Hirschluch haben sie sich für zehn sonnige Frühlingstage zu einem Jugendaustausch getroffen. Mitten im Wald an einem kleinen See leben die insgesamt 50 Leute in kleinen Hütten, deren Namen wie aus dem Märchen klingen. „Für viele der jungen Gäste ist es das erste Mal, dass sie im Ausland sind“, sagt Klaus Waiditschka, der Projektkoordinator des Vereins Jugendhilfe und Sozialarbeit JUSEV aus Fürstenwalde/Spree. Er hat die Behinderten und ihre Betreuer nach Brandenburg eingeladen. „Dass die Behinderten mit Leuten aus anderen Ländern überhaupt zusammentreffen, ist eine wertvolle Erfahrung für sie.“ Es sei für sie wichtig, zusammen zu arbeiten, zu singen, zu spielen und Spaß zu haben. „Natürlich ist es für Menschen mit geistiger Behinderung eine besondere Herausforderung, an einem fremden Ort zu sein und andere Gewohnheiten kennenzulernen“, erklärt Waiditschka die andere Art der Essensversorgung oder einen Gottesdienst zu feiern. Dieses internationale Programm findet zum ersten Mal statt. Es soll künftig jedes Jahr Behinderte zusammenbringen.

Das Programm hat verschiedene Elemente. Sein Höhepunkt war die Aufführung des Märchens „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Malen, Basteln und Singen waren die Vorbereitung dafür. Ohne Worte, nur mit Gesang, mit Tanz und Sport und mit handwerklichem Geschick halfen am Ende alle Beteiligten mit, den kleinen Prinzen zu seinem Planten fliegen zu lassen. Zur Premiere kamen die Eltern der 18- bis 25-Jährigen und die Bewohner des kleinen Ortes, der etwa 70 Kilometer im Osten Berlins liegt.

Während des täglichen Programms wurde jede Szene einzeln für das gemeinsame Theaterstück vorbereitet. „Es war anstrengend alle diese geistig behinderten Leute zusammenzubringen. Aber in zwei Tagen waren sie schon so motiviert, dass sie nicht mehr nach Hause wollten“, erinnert sich Workshopleiter Michal Stanowski. Der Künstler ist Direktor des „Art Therapy Centre“ im polnischen Lublin. Dort wird das Camp im nächsten Jahr stattfinden, das aus EU-Mitteln finanziert wird.

„Hier habe ich Freunde, ich bleibe hier“, sagt Roma aus der Ukraine etwas trotzig und vor Aufregung überschlagen sich seine Worte. Dass sich Gäste nach diesen zehn Tagen nicht mehr wie in einem fremden Land gefühlt haben, mag an der Gruppe und an der Natur liegen, aber auch daran, dass es Behinderte in Deutschland leichter haben. „Hier kann ich alles allein machen, ohne meine Eltern. Ich fühle mich total selbstbewusst“, strahlt Arman aus Jerewan seinen Betreuer an. Der 23-jährige Armenier kann nur auf Krücken laufen. Zu Hause kommt er allein nicht mal in die Straßenbahn.

Die Autorin

Anush Petrosyan ist in Eriwan, Armenien geboren. Sie hat von 2002-2007 an der Eriwaner Staatlichen Linguistischen Universität Germanistik und Psychologie studiert. Im Anschluss daran hat sie 10 Monate in Deutschland einen Freiwilligendienst absolviert. Seitdem ist sie als Journalistin im Sozial- und Kulturbereich für die Online-Zeitung PanARMENIAN.Net tätig.

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