Rückkehr zu den eigenen Wurzeln

Videoinstallationen zeigt Migrationswege 13 jüdischer Frauen

Von Rebecca Schmid


Von Prag nach Berlin. Von Berlin nach Buenos Aires. Und wieder nach Berlin. Eine Reihe von Migrations- und Familiengeschichten. 13 jüdische Frauen aus verschiedenen Ländern, 30 bis 80 Jahre alt, treffen sich in einem Zimmer, um ihre Erinnerungen aufzuarbeiten und neue Wege in die deutsche Kultur zu schaffen.

„One Room of Memories“, eine Videoinstallation die vom 19. August bis 27. Januar 2011 am Centrum Judaicum in der Oranienburgerstraße zu erleben sein wird, erfasst diese gemeinschaftliche Besinnung durch Erzählungen und kollektive Performances. Ruth Kuperman, die Regisseurin und Erfinderin des Projekts, bezeichnet die Installation als ein explosives Experiment. „Die Berichte und Handlungen erscheinen gleichzeitig und verketten sich“, so Kuperman. „Mit den Stimmen, den Close-ups, den kleinen und grossen Bewegungen webt sich alles wie ein Wandteppich.“

Trotz der unterschiedlichen Erfahrungen der Teilnehmer, haben alle etwas gemeinsam: Heimatlosigkeit. Kuperman glaubt, dass eine nomadische Existenz sehr stark die Erinnerungen von allen Juden durchdringt. „Die Heimatlosigkeit prägt uns selbst in den Ländern wo wir geboren sind“, sagt sie. „Vielleicht entsteht dadurch das Bedürfnis zu migrieren. Wir haben uns das nicht ausgesucht, als wir verfolgt wurden. Aber danach vielleicht doch.“

Für die Brasilianerin von polnisch-jüdischer Herkunft, war der Umzug nach Berlin vor zehn Jahren wie eine Rückkehr in die Vergangenheit. Die Aus- und Einwanderungsgeschichten, die Kuperman hier hörte, inspirierten ihr Projekt „One Room of Memories.“ „Die letzte Migration nach Deutschland bietet eine Gelegenheit, gleichzeitig die alte Migration zu reflektieren“, so Kuperman. „In Brasilien denkt man nicht so viel darüber nach, weil es ein neues Land ist, das nichts mit dieser Geschichte zu tun hat.“

Während des Entstehungsprozesses der Videoinstallation holten die Teilnehmer viele Erlebnisse aus dem Staub der Vergangenheit. Kuperman führte eine alte Puppe als Objekt ein, die ein Symbol der Installation geworden ist, nachdem mehrere Frauen von verlorenen Puppen aus der Kindheit erzählten. Ruth Stadnik-Goldstein, die 1938 mit zwei Jahren ein Schiff von Deutschland nach Argentinien nehmen musste, erinnerte sich an eine Puppe, die sie über Bord hat fallen lassen, als sie ins Wasser gucken wollte. Cila Lewin, 1933 in Litauen geboren, erzählte, wie sie ihre Puppe mitnehmen wollte, als die deutschen Soldaten in ihr Haus eingedrungen sind. Ihr Vater hat sie stattdessen gezwungen, ihren Mantel zu nehmen und schrie, „Lauf! Lauf!“ Lewin entfloh alleine durch die Felder.

65 Jahre nach dem Krieg gäbe es noch viele Themen zu erarbeiten, so Kuperman. Sie findet, dass die Behandlung des Holocausts in Deutschland oft oberflächlich sei. „Ich glaube, die Deutschen sind geneigt, die Geschichte zu vermindern, weil sie es selbst nicht ertragen können“, sagt sie. Das Projekt habe sehr starke Gefühle ausgelöst, so Kuperman. Die Teilnehmer und Gäste beim Filmen haben viel geweint. Mit Ola Lewin und Frank Blum, die für Dreharbeiten und Filmschnitt des Projekts zuständig waren, plant Kuperman einen zweiten Teil der Installation. „Die Kunst hat ihre eigene Sprache, die jeden Mensch unterschiedlich berühren kann“, sagt Kuperman. „Man kann eindringen und etwas ganz Subtiles herausholen, manchmal ohne zu viel Schmerz.“

Die Autorin

Eine gebürtige Pariserin von schweizerisch-amerikanischer Herkunft, Rebecca Schmid ist die Berlin New Korrespondentin for MusicalAmerica.com und eine freischaffende Journalistin. Ihre letzten Artikel erschienen in BBC Music Magazine, Chamber Music America, American Record Guide, and Music&Vision. Im Mai absolvierte sie ihren Magister am Goldring Arts Journalism Program der S.I. Newhouse School of Public Communications in Syracuse, New York. Rebecca war Fulbright Stipendiatin für musikwissenschaftliche Forschung in Wien und besitzt einen B.A. in Musik/Vergleichende Literatur von Brown University (USA).

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