Jenseits von Afrika

Ein Kenianer und eine Südafrikanerin treffen sich in Berlin

von Romy Fuchs

Der Klang der Vuvuzela ist unüberhörbar. Die Leute jubilieren, gratulieren einander, spielen Fußball und die Welt schaut auf Afrika, Südafrika. Das WM-Fieber wirft ein Schlaglicht auf den Kontinent wie nie zuvor und der nationale Stolz, dass ich selbst eine Südafrikanerin bin, die all das von Berlin aus beobachtet, wirkt sich auf meine journalistische Neigung aus. Die immer größer werdende afrikanische Bevölkerung unterstreicht Berlin als Stadt der Multi-Kultur und als Ort der Migration.

Die Einwanderung der Leute lässt mich nach der Idee von Heimat fragen. Aus welchem Grund verlassen Afrikaner ihr Heimatland, ihren Geburtsort und ihre Wurzeln? Vielleicht ist das Verlassen kurzfristig, eine Frage der Zeit, bevor man zurückkehrt, aber für andere ist es für immer.

Als frisch angekommene Studentin aus Kapstadt war ich überrascht, dass mein Nachbar im Studentenheim aus Kenia kommt. Wir beide, weit entfernt von unserer Heimat, redeten in diesem Moment über unser Afrika und die Idee der Migration. „Die Sonne scheint nie so wie in Afrika“, betonte Hillary Sang. Dazu konnte ich mich an den traumhaft schönen Sonneuntergang und das Dämmerlicht erinnern. Nirgendwo ist der Himmel so klar und blau wie in Afrika. „Ich konnte den Winter nicht aushalten. Als ich erstmals einen echten europäischen Winter erlebte habe, habe ich auch unter der sogenannten Winterdepression (SAD) gelitten, eine Auswirkung des Mangels an Sonnenlicht.

Anstatt die über 4000 Kilometer Entfernung zu empfinden, die zwischen unseren Heimatstädten Nairobi und Kapstadt liegen, waren wir uns in der Anerkennung und dem weiteren Verständnis über unseren gemeinsamen Heimatkontinent sofort einig. Der Ausdruck „Ubuntu“, ein Begriff der durch Erzbischof Desmond Tutu berühmt geworden ist, erklärt es vielleicht in soziologischem Sinne. Es ist der Glaube an etwas Universelles, das die gesamte Menschheit verbindet: „I am because we are.“ Dieses Gleichheitsgefühl, das Afrikaner in einer einzigartigen Art zusammenbringt, ist nicht vergleichbar mit einer gemeinsamen europäischen Staatsbürgerschaft. Es sind Freude und Glück der Menschen, trotz aller unserer Dritte-Welt-Probleme, die Lebenslust, die nirgendwo anders stärker sein kann. Den Leuten hier in Deutschland geht es unheimlich besser, aber sie klagen dennoch und es gibt kein öffentliches Jubilieren des Alltags. In Afrika rechtfertigen die Gesundheitslage und der Mangel an Ressourcen so manche Klage, aber Unzufriedenheit gibt es nicht. Die Achtung vor dem Wert jedes Tages beherrscht den Geist des Kontinents. Das enge Verhältnis zwischen Leben, Leiden und Tot macht es zu einem einzigartigen Lebensgenuss.

„Ich habe viel überlegt, aber ich würde Kenia nie für immer verlassen. Das kann ich nicht“, betonte Hillary Sang. Der Masterstudent der Linguistik studiert an der Freien Universität und seine Sprach- und Linguistik-Programme sind der Grund für seinen kurzfristigen Aufenthalt in Berlin. „In Kenia gibt es sehr wenige Stipendien, die Möglichkeiten sind geringer und der Wettbewerb um Ausbildung und Arbeit verstärkt sich.“ Aber Kenia sei seine Heimat, wo er sich trotz aller sozialer Probleme und Kriminalität am wohlsten fühle.

„Vielleicht sollen wir auch Südafrika verlassen“, klagte meine Mutter, als meine Schwester Opfer von Autodieben wurde. Die Kriminalität, die soziale Ungerechtigkeit der Klassen, die Gesundheitslage und die politische Instabilität, die Teile des afrikanischen Lebens einbeziehen, würden Grund genug sein. Aber die Schönheit Afrikas, die Schönheit Kapstadts mit dessen Bergen, Weinbergen, Seen, Ozeanen, der Sonne und dem zuvor genannten Geist Afrikas sowie Freunde und Wurzeln, die wir hier so lange schon gepflegt haben, lassen diesen Gedanken verfliegen. Leidenschaft und Leiden des Kontinentes, Armut, AIDS und die lange und komplizierte Geschichte der Kolonisation und der Rassenprobleme bringen die Menschen Afrikas auf unglaubliche Weise zusammen.

Auch Hillary dachte an Flucht im politischen Konflikt während des kenianischen Wahlkampfes 2007 und 2008. Aber für ihn ist Einwanderung nach Deutschland keine Frage. Das Leben sei viel mehr als eine hoch gepriesene Arbeitstelle oder mehr Geld, sondern es ginge um die Wurzeln und die Beziehungen zwischen den Menschen.

„Jeder kann reisen, die Welt anschauen. Aber für jeden gibt es einen einzigartigen Ort, wo man sich total wohl fühlt. Das ist Heimat.“

Als Südafrikanerin finde ich die Arbeitsmöglichkeiten, die Ausbildung und die Hochkultur Europas anziehend. Aber in Afrika geht es um die Leute. „Ich finde es wahnsinnig, dass man einen Termin braucht, um einen Kumpel zu treffen“, sagte Hillary. „Die hoch gepriesene Pünktlichkeit ist auch eine neue Sache für mich.“ In Afrika haben wir den Begriff „on African time“, was heißt, das Verspätung ein normales Ereignis ist.

Die deutschen Klischees über Ausländer kennen wir beide. Als schwarzer Mann in Berlin war ich neugierig, ob Hillary irgendwelche Probleme gehabt hat. „Überhaupt keine!“, betonte er. Die Akzeptanz Berlins und die Freiheit und Vielfältigkeit der Multikulti-Stadt seien zu lieben und zu ehren. Aber meine Treffen mit dem Verkäufer hinterm Döner-Stand enden immer mit der Frage nach meiner Herkunft. Die Reaktion ist immer voller Verwunderung: „Das kann nicht sein! Aber ethnisch sind Sie keine Südafrikanerin, oder?“. „Na, es gibt auch weiße Leute in Südafrika“, lache ich zurück.

Die Autorin

Romy Fuchs ist in der Schweiz geboren und in Kapstadt, Süd-Afrika aufgewachsen. Sie hat ihr Bachelor Studium in BWL (Wirtschaft und Marketing) an der Wharton School of Business an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia im Mai 2010 abgeschlossen und möchte weiter in Berlin arbeiten und studieren. Sie fotografierte und schrieb für ihre Uni-Literatur Zeitschrift, First Call Magazine, war Veranstalterin des Greater Philadelphia Student Film Festivals und WQHS  Sudent Radiomoderatorin. Sie macht gerade ein Praktikum bei RS2 in Berlin.

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